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Individuum oder: die Staaten sterben nicht von selber ab

Ein Versuch

Autoren: Uwe Bolius
Verlag: Weilburg, Wiener Neustadt, 1984
Gattung: Prosa | Veröffentlichungstyp: Buch

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Textproben:

Liebe ist so alt wie die Menschheit: ihr Ursprung. Das, was den Menschen zum Menschen macht und vom Tier unterscheidet. Tiere lieben nicht. Kein Tier war je einsam, allein. Die Menschen waren es immer. Sind es noch heute. Alles übrige kam erst später, als sie schon reden konnten: aufrechter Gang, Feuer, Werkzeug- und Waffengebrauch. Der Anfang aber war Liebe. Und Sprache. Dorhin muss die Menschheit zurück. Ich kann es nicht beweisen, aber ich habe das Gefühl - in das sich 20 Jahre Nachdenken verdichtet haben -, dass die Sprache aus der Liebe entsprungen ist, die Liebe die Sprache schuf. Und mit der Sprache kam das Alleinsein der Menschen; das jähe Erwachen des Tieres; das Auffahren des Ich aus dem tierischen Dämmer. Die Sprache erst schuf die Welt. * Verliebtheit ist nicht Liebe, aber ihre Ankündigung, ihr Rausch. Selbstliebe zu zweit in der Nacht. Spiegelung einzelner ineinander und berauschender Schein einer Einheit. Eher der leuchtende Glanz weissblau beschneiter Berge als das mühsame Stapfen über die Gletscher der Wirklichkeit. Eher ein Wetterleuchten über den Gipfeln. Als das Gewitter der Wahrheit. Verliebtsein - da bricht in dir etwas auf, was rasch, allzu rasch, im Alltag wieder verlorengeht, wenn du nicht sorgfältig aufpasst: du selbst. Du, der sich im anderen begegnet. Du, der sich selber begrüsst und umarmt, küsst und begräbt. Du, das höchste, zugespitzteste Glück - in einem Fremden. Das Gefühl, angekommen zu sein, dein Ziel: dich, erreicht zu haben, jubelnd bei dir ausrasten zu dürfen; einrasten auch; und alles ist drin, will aus dir raus, umarmt dich mitsamt der Welt. Der schönste Rausch, den mann/frau erleben kann, ohne Alkohol, Drogen, ist der Rausch durch den Tausch der Körper, ist der Rausch des verdoppelten Ich. Das aus seiner Einsamkeit ausbricht, in die Zweisamkeit taumelt. Identitätsrausch Verliebtheit. Wenn dir im Lächeln der/des Geliebten die Sonne aufgeht. Wenn auch du ihn/sie anstrahlst, begrüsst, wie der frischgefallene Schnee den neuen Tag. Wenn die Grübchen der Wange, die Rundung des Kinns, der Duft der Haut und die Bewegung des Arms dich anrühren, anlächeln, sanft. Wenn keine Worte mehr nötig sind, weil schon alles gesagt ist, die Gedanken schon reden, schwingen. Wenn du die/der andere bist und er/sie ist du...

/ 1984

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