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Geschichten vom anderen Leben

Erzählungen

Autoren: Uwe Bolius
Verlag: Weilburg, Wiener Neustadt, 1985
Gattung: Prosa | Veröffentlichungstyp: Buch

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Textproben:

Aus: "Einen halben Liter Milch für jedes Kind Chiles", Salvador Allendes letzter Kampf in der Moneda, Erzählung In La Ligua, wo sich das Epizentrum des Bebens befand, besuchte Allende die Menschen in ihren elenden, kleinen Behausungen, Hütten. Rund um die Stadt lebte die Bevölkerung, ausser von der Landwirtschaft, auch vom Weben. Einer Bäuerin hatten die herabstürzenden Trümmer den Webstuhl zerstört. Jetzt sass die Frau da, vor ihrem halbeingestürzten Haus, und weinte. Auch ihr Mann und zwei ihrer Söhne waren ums Leben gekommen. Allende, ohnehin klein und stämmig, musste sich bücken, um ins Innere der Hütte schlüpfen zu können. So niedrig die Tür. Die Frau zeigte ihm schluchzend ihr zerborstenes Gut. "Deinen Mann und deine Söhne können wir nicht mehr lebendig machen," sagte er leise zur weinenden Frau, legte ihr zart den Arm um die Schulter, mit einer Scheu, die ihr die Tränen nahm. "Aber diesen Webstuhl da, den können wir noch reparieren. Sag, was du dazu brauchst. Mein Sekretär schreibt es auf." Die Frau sah ihn lange an. Prüfte sein Gesicht, den Schnurrbart, die Brille, jede einzelne Falte. Dann sagte sie, und man spürte, dass sie, um die richtigen Worte zu finden, angestrengt nachgedacht hatte, drei Sätze. Nicht mehr als drei Sätze, die trafen: "Ihr seid ein guter Mensch, Don Salvador. Aber sie werden euch töten, vernichten. Wie alles, was gut ist." Erneut grollte die Erde. Ganz leise. Aus der Tiefe, der Ferne, der Weite. Als Allende, gebückt, aus der Hütte ins Freie trat, gab er der Anwältin, die ihn begleitet hatte, Weisungen für die Unterstützung der Weberinnen. Sie standen auf einem grossen Platz. Wenige Tage vor dem 11. September 1973 schickte ihm diese Frau, eine erfolgreiche Genossin und Kommunistin, ein grosses gewebtes Tuch: den Dank der Bäuerinnen La Liguas. Es war wunderschön, strahlendes Dunkelblau, dann türkis und schwarz, mit lichteren, weissen Streifen: jener "mexikanische Poncho", den man über seinen Körper geworfen hatte, als man ihn aus der Moneda schleppte. Tot. Davon gibt`s ein Foto. Die Frauen La Liguas hatten, ohne es zu wissen, Allendes Leichentuch gewebt.

/ 1985

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