Publikationen-Suche:

Die Minithalpredigt, 2003

Erinnerungen aus einer Kindheit

Autoren: Heinrich Schaur
2003
Gattung: Prosa | Veröffentlichungstyp: Buch

Kein Foto vorhanden

Textproben:

Ich. Und der Vater. Ich, der kleine Bub. Jung. Rote Haare auf dem Kopf. Sommersprossen auf dem Körper. Und der Vater. Dieser Vater. Ich sehe ihn. Schwarze Gummistiefel. Stallmantel. Kuhdreck. Und eine Stallkappe. Meistens eine rote. Oder eine grüne. Ich sehe ihn. Diesen Vater. Ich sehe unendlich klar, wie er hinter mir her jagt. Irgend einen Anlaß wird es wohl gegeben haben. Oder aber auch nicht. Klar ist nur, daß ich gelaufen bin. Und klar ist ebenfalls, daß Gummistiefel und ein Stallmantel hinter mir hergelaufen sind. Und klar ist weiters, daß in dieser Stallverkleidung mein Vater steckte. Mein Vater, der Verkleidungsmensch. Dieser größte Schauspieler aller Zeiten. Es war an einem Abend. Als er, als dieser Vater hinter mir her jagte. Ich lief. Rannte weniger um mein Leben. Denn mehr um meine kindlichen Gefühle. Oder meine kindliche Seele. Ich rannte. Und er jagte hinter mir her. Durch den Kuhstall hat er mich getrieben. Mein Vater. Durch den Kuhstall bin ich gelaufen. Hinten bei den Kühen, bei den Kuhärschen vorbei. Dann hinaus aus dem Kuhstall. Und bei der anderen Seite, bei der Scheune wieder herein. Warum ich nicht endgültig davon, sondern bei der Scheune wieder herein gelaufen bin, ist vielleicht mit einer inneren Verstörung zu erklären, in der man sich danach sehnt, der Verfolger möge einen endlich zu fassen kriegen. Jedenfalls bin ich bei der Scheune wieder herein gelaufen. Und mein Vater hinter mir her. Ich rannte am vorderen Scheunenende vorbei, wo meine Mutter stand und zusah. Vorbei an meiner Mutter, dieser größten Zuschauerin aller Zeiten, wieder in den Kuhstall, wieder hinter den Kuhärschen vorbei hinaus aus dem Stall. Und der Vater immer hinter mir. Ununterbrochen brüllend. Wütend und tobend. Seine aggressive Energie schien an diesem Tag eine unheimliche Höhe erreicht zu haben. Irgendwie so, als ob er es wissen wollte, welch ein Ausmaß an innerem Erleben durch Bösartigkeit und Wahnsinnigkeit möglich ist. Mit einer absoluten Entschlossenheit, einer bedingungslosen Verbissenheit, und einem durch nichts mehr zu beruhigenden Willen jagte er hinter mir her. Mein Vater. Dieses Mal wollte er mich zu fassen kriegen. Das war ohne jeden Zweifel. Und dieses Mal, nichts anderes konnte ich in meiner Angst denken, wird er mich auch zu fassen kriegen. Mit der letzten Kraft und meiner letzten Geschwindigkeit lief ich vor diesem Vater davon. Während er, während dieser Vater immer schneller und schneller und immer noch entschlossener hinter mir her jagte. Ständig brüllend. Kein Schimpfwort ließ er aus. Keine Beleidigung und keine Bedrohung fehlte. Die Jagd meines Vaters auf mich schien kein Ende zu nehmen. Ich lief abermals hinaus aus dem Kuhstall. Und wieder bei der Scheune herein. Wieder nach vor, an das vordere Scheunenende. Und wieder an meiner Mutter vorbei. Vorbei an der größten und zugleich auch einzigen Zuschauerin dieser Jagd eines Vaters auf seinen Sohn. Ich bog am vorderen Scheunenende wieder in den Kuhstall ein. Lief wieder nach hinten. Wieder an den Kuhärschen vorbei. Und der Vater in seinen Gummistiefeln und seinem Stallmantel hinter mir her. Immer näher und näher kam er mir, der Vater. Und immer lauter und lauter wurden seine Beschimpfungen, Beleidigungen und Bedrohungen, die er auf eine wahnsinnige Weise brüllte. Dann, es muß die zweite oder dritte Runde durch den Kuhstall gewesen sein, nahm er einen Kuhtreibestock in seine große rechte Hand und jagte noch schneller hinter mir her. Ich sah den Kuhtreibestock und versuchte mit noch größerer Geschwindigkeit diesem Vater davon zu laufen. Aber er kam näher und näher. Ich lief wieder hinaus aus dem Kuhstall. Wieder herein in die Scheune. Nach vorne durch die Scheune. Vorbei an der Mutter. Diesem Star des bloßen Zuschauens. Nach hinten durch den Kuhstall. Der Vater hinter mir her jagend. Mit dem Kuhtreibestock in der Hand. Und immer brüllend. Lauter und lauter. Wahnsinniger und wahnsinniger. Und die Jagd eines Vaters auf seinen Sohn durch den Kuhstall schien kein Ende zu nehmen. Immer wieder hinaus aus dem Stall. Und herein durch die Scheune. Und hinaus. Und herein. Aber wie viele Runden es auch immer waren. Der Vater jagte mich durch den Kuhstall. Mit dem Kuhtreibestock in der Hand. Mit der größten und letzten Aggression. Mit einer unwahrscheinlichen Entschlossenheit. Mit einer bösartigen, geradezu mit einer teuflischen Verbissenheit jagte er hinter mir her. Immer wieder hinaus durch den Kuhstall. Und herein in die Scheune. Und hinaus. Und herein. Und immer weiter und weiter. Bis in alle Unendlichkeit fort. Ich. Klein. Jung. Rote Haare. Sommersprossen. Vorne. Der Vater. Groß. Stark. In seinem Stallmantel. In seinen Gummistiefeln. Und vor allem mit dem Kuhtreibestock in seiner großen rechten Hand. Hinten. Und immer weiter ging die Jagd. Sie schien kein Ende zu nehmen. Hinaus aus dem Kuhstall. Und herein bei der Scheune. Und vorbei an der größten Zuschauerin, die es je auf dieser Erde gegeben hat und den Namen Mutter trug. Und hinaus aus dem Kuhstall. Und herein bei der Scheune. Und hinaus. Und herein. Und immer weiter. Und weiter. Eine Ewigkeit lang. Bis endlich der Augenblick kam. Ich stürzte. Am Boden lag. Und nicht mehr weiter laufen konnte. Und dann war er da. Der Vater. Dieser Vater, der unendlich viele lange Runden hinter mir her jagte. Mit seinem Kuhtreibestock in der Hand. Nun hatte er mich. Nun lag ich da. Am Scheunenboden. Gestürzt. Wehrlos. Klein und hilflos. Im Dreck. Meine roten Haare beschmutzt. Und er. Der Vater. Dieser Vater. Nun stand er da. Groß. Mächtig. Brüllend und Triumphierend. Seinen Kuhtreibestock schwingend. Alles muß er erlebt haben, dieser Vater. In diesem Augenblick. Alles, was ihm je an Gefühlen der Macht und der Lust möglich gewesen ist. Mit dem letzten Stolz schwang er seinen Kuhtreibestock über meine Existenz hinweg. Sich noch kurz seinen Stallmantel richtend. Bis er sich entlud, dieser Vater. Bis er sich befreite. Und bis er endlich befreiend herausbrach, der böse wahnsinnige väterliche Wille, und der Kuhtreibestock hemmungslos auf mich niederging. Immer und immer wieder schlug er auf mich ein, der Vater. Und immer und immer wieder sah ich ihn niedergehen, den Kuhtreibestock. Auf mich, der ich ein kleines rothaariges Kind gewesen bin. Immer und immer wieder gingen sie nieder. Diese Schläge eines Vaters. Diese Schläge eines Kuhtreibestocks. Immer und immer wieder. Ohne ein Ende zu nehmen. Wenige Meter von der größten Zuschauerin namens Mutter entfernt. Und während mein Vater immer wieder und wieder seinen Kuhtreibestock auf mich niedergehen ließ, brüllte er auf eine absolut enthemmte, entfesselte Weise: „Du rothaarige Sau du elendige verfluchte du. Du Rotschädel du schiacher du depperter saublöder du. Daß du es weißt du. Dreschen (schlagen) werd ich dich heut a so, das sag ich dir du. Du nichtsnutzige elendige Krot du. Du verkrachte verfluchte Sau du elendige schiache dumme du. Weißt. Eh nix arbeiten. Frech sein. Ein saudepperter Rotschädel sein. Aber das sag ich dir. Du. Dreschen werd ich dich heut a so, das sag ich dir. Du. Du. Du Rhinozerus du saublöder du. Du Rindvieh du elendiges Du. Du Kruka du verfluchte du. Du schiache rotschädelige Sau du elendige verdammte verkrachte du. Du Kruka du. Du Nichtsnutz du verkrachter verdammter saublöder elendiger du. Das sag ich dir. Du. Dreschen werd ich dich heut a so. Du. Das sag ich dir du. Der Herr im Haus bin ich, daß du es weißt du, du kleiner Dreck du verkrachter verdammter du. Du Sau du elendige verfluchte du. Du Trottel du saublöder du. Du Kruka du. Du Nichtsnutz du. Du. Du Hühnerdreck du frecher du. Du Scheißer du elendiger verdammter du. Du Rotschädel du schiacher du elendiger verdammter verkrachter du. Du. Du. Du. Du. Das sag ich dir. Du. Der Herr im Haus bin ich. Du. Das sag ich dir. Du. Du. Du. Das sag ich dir. Du. Du. Dreschen werd ich dich heut a so. Du. Du. Du verdammter elendiger Rotschädel du nichtsnutziger verkrachter du. Du Dreck du rotschädeliger verfluchter du. Du Kruka du faule elendige verdammte verkrachte du. Du. Du. Du. Du. Du. Du.“ Und so ging es immer weiter. Dieses väterliche Gebrülle. Die Aggressionsirrsinnigkeiten oder die Veranstaltungen aus Wahnsinn und Bösartigkeit eines Vaters. Und während er immer weiter und weiter brüllte, und nach immer neuen Schimpfwörtern rang, schlug er immer wieder und wieder mit seinem Kuhtreibestock auf mich ein. Er. Dieser Vater. Auf mich. Der ich sein Sohn gewesen bin. Und immer noch bin. Da die Seele nicht vergißt und das Vergangene eben nicht vorbei ist.

/ 2003

Zurück