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für Germanistik

Wolfgang Wenger

Interview von Tanja Christa Vogl

Das Interview wurde von Tanja Christa Vogl geführt. Es fand im Haus von Wolfgang Wenger und Gudrun Seidenauer in Adnet bei Salzburg am 20. 12. 2002 statt. Es dauerte ungefähr von 15.30 - 17.00 Uhr.

Ein kurzes Hörbeispiel aus dem Interview mit Wolfgang Wenger:
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Wann haben Sie zu schreiben begonnen, und gab es einen konkreten Anlaß?

Das war in der Maturaklasse. Den ersten Text, das war ein Märchen. Das muß dann gewesen sein: 1980. Konkreter Anlaß: Ich kann mich an keinen erinnern. Ich habe plötzlich das Bedürfnis verspürt, einen Text zu schreiben, und das war ein Märchen.

Gibt es Situationen, in denen Sie vermehrt schreiben? Zum Beispiel, wenn es Ihnen besser geht, oder schlechter geht?

Das ist eine interessante Frage, da muß ich etwas überlegen... Die ist mir so noch nie gestellt worden. Es ist auf jeden Fall eine Situation, in der ich eine wichtige Frage habe, in der nicht alles klar ist. Ich versuche, mir dann mittels Schreiben klar zu werden. Die Gefühlszustände können dabei wechseln. Wenn man ein längeres Projekt hat, geht es einem wie jedem Menschen einmal gut und einmal schlecht. Man hat den Alltag und einmal dieses Problem und einmal jenes. Das würde nicht anhalten, der Gefühlszustand, es geht mehr um grundsätzliche Fragen.

Die Sehnsucht nach Antworten.

Es sind Fragen, die ich, wenn ich zu schreiben beginne, noch gar nicht formulieren kann. Es ist nur ein grundsätzliches Wissenwollen. Und dann das Ausloten in Form eines Textes.

Wo schreiben Sie: schreiben Sie in einem bestimmten Zimmer, oder schreiben Sie überall, schreiben Sie auf einen Zettel oder am Computer?

Das hat sich verändert. Die ersten Bücher, also "Weit weg in den Filmen" habe ich mit der Hand geschrieben, und vor allem unterwegs, also beim Reisen. "Weit weg in den Filmen" ist wirklich in ganz Europa entstanden. Von London bis zum Süden Portugals und in Italien. So ziemlich überall in Europa. Ist ein Reisebuch. Und die anderen Texte bis zur "Manhattan-Maschine" sind eher in Salzburg entstanden, weil ich eben hier gelebt habe, und weil es keine Kurzprosa ist, die man so zwischendurch skizziert, und damals habe ich auch noch mit der Hand geschrieben, und habe das Ganze dann in den Computer reingetippt. Und erst seit "Die Geschichte des Augenblicks" schreibe ich sofort in den Computer rein.

Ich weiß nicht, wie das bei Ihnen ist, aber bei mir war das am Anfang eine gewisse Hemmung - die Tastatur. Das sieht so absolut aus.

Ja, ich weiß nicht. Es drückt sicher etwas aus. Möglicherweise - mir geht es zumindest so - daß die Tastatur eine größere Distanz zum Text ausdrückt. Das Schreiben mit der Hand ist dem eigenen Körper näher.

Wie verläuft der Schreibprozeß? Gibt es darin gewisse Phasen? Zum Beispiel, ob Sie anfangs schon eine grobe Skizze vom Text haben?

Mhm. Das kommt wieder auf’s Buch an. Also bei "Weit weg in den Filmen" gab es überhaupt kein Konzept. Das ist einfach eine Sammlung kurzer Prosa, vor allem kurzer Eindrücke. Bei "Die Gleichgültigkeit der Wüstenbewohner" ist das Konzept während des Schreibens entstanden, bei der "Manhattan-Maschine" gab es das erste Mal ein geplantes Konzept, also die Geschichte von Prometheus, die ich nach New York verfrachte. Die Dramaturgie auch, mit den einzelnen Stimmen, das hat vorher fertig sein müssen, und dann mit Text gefüllt werden müssen, sonst wär das irgendwie uferlos geworden. Und "Die Geschichte des Augenblicks" hat auch ein Konzept gehabt. Von vorne herein. Also mit diesen verschiedenen Teilen, mit den verschiedenen sprachlichen Methoden sich dem Thema "Augenblick" zu nähern. Also die Herangehensweise an das Thema "Augenblick", die war vorher geplant. Ich hab das dann mit Text ausgefüllt.

Welche Vorbilder haben Sie? Personen, Stilrichtungen? Für die Symbolik, die mir zum Beispiel bei "Die Geschichte des Augenblicks" aufgefallen ist? Die spielt ja hier eine gewisse Rolle und hat mich auch irgendwie ein bißchen an die Expressionisten erinnert, "Die Vögel" und "Die Dame in Gelb" zum Beispiel ...

Auf Expressionisten wäre ich gar nicht gekommen, aber wenn Sie es jetzt so sagen, hat das sicher, kann ich mir schon vorstellen... also, gerade die "Dame in Gelb"... von der Symbolik her, also gerade die Farbsymboliken, die da vorkommen im Text, kann man sicher als dem Expressionismus nahe sehen. Das war mir aber nicht bewußt.

Also, Sie haben nicht gesagt: "Das gefällt mir so!" und dann in diese Richtung geschrieben?

Nein, also der meiste Einfluß auf mich... den es gibt... sind Mythen. Also die Prometheus-geschichte zum Beispiel. Generell... also Mythen der Welt... von den griechischen Mythen bis zu den indischen Mythen. Und dann auch Märchen. Und auch dieser Einfluß hat Zeit gebraucht, bis er mir bewußt geworden ist. Also ich hätte vielleicht vor fünf Jahren noch als Einfluß Samuel Beckett gesagt, und vom Film her vielleicht Wim Wenders. Das stimmt auch, aber es ist nicht so massiv wie der Einfluß von Märchen und von Mythen.

Ja. Das sind ja auch Archetypen, wahrscheinlich. Also, Sie schreiben eher aus dem Bauch heraus, und nachher wird Ihnen erst klar, woher der Einfluß kommt?

Immer. Immer. Also Schreiben geht nie von gedanklichen Konzepten aus. Die gedanklichen Konzepte brauche ich dann, um den Text überhaupt formen zu können...

... zu strukturieren ...

Man muß natürlich überlegen, wie strukturiere ich die Prometheusgeschichte. Aber zunächst ist einfach das Bedürfnis da, Prometheus zu gestalten.

Also so richtig, wie viele das machen, mit zuerst gedanklich ausformulieren ist es eher nicht ... eher aus dem Bauch heraus?

Nein, nein gar nicht. Also da ist möglicherweise der Zusammenhang zu Margarite Duras, die mehr vom Assoziativen her kommt. Sicher größer als, was weiß ich, ein Doderer, der alles konstruiert hat. Oder auch ein Thomas Mann, der durchaus mehr konstruiert hat.

Ja. In wieweit fließt Ihr Privatleben und Ihr eigenes Erleben in Ihre Texte ein? Oder auch Ihr Berufsleben? Und wieviel Anteil nimmt das in Ihren Texten ein?

Mhm. Also, merkbar ist davon nichts in den Texten. Aber es wird wohl so sein, daß das, wie ich als Person erlebe und empfinde, und was ich erlebe und was ich empfinde in den jeweiligen Texten niederschlägt. Und die Wahl der Symbole, die Helden, die ich mir scheinbar wähle, sind sicher Seelenanteile von mir. Zum Teil gewiß auch Seelenanteile, die mir erst durch das Schreiben bewußt werden.

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© Tanja Christa Vogl, 2001