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für Germanistik

Atmosphärische Verschiebungen und gefährliches Darüberschweben

Interview mit Kathrin Röggla zu "Irres Wetter" (Residenz, 2000) von Elisabeth Wasserbauer

EW Kathrin Röggla, Ihr neues Buch, das dritte inzwischen, heißt Irres Wetter und erscheint im März [2000] bei Residenz. Woher kommt dieser Titel?

KR Der Titel ist aus einem Text entnommen, der "überfunktion, unterfunktion" heißt, und im Grunde ist es eine Bezeichnung für einen bestimmten meteorologischen Zustand, der aber auch eine andere Dimension hat, eine gesellschaftliche Dimension, würd ich sagen. Da schwingt sowas mit wie irgendwas stimmt nicht, irgendwas geht durcheinander.

EW Ein Berliner Ausdruck?

KR Ich nehme an, ist aber in ganz Norddeutschland üblich. Ich kann mir vorstellen, dass es in Salzburg auch verwendet wird, grad in Salzburg gibt's eine Menge irres Wetter...

EW Worum geht es in dem Buch?

KR Eine atmosphärische Verschiebung findet quasi statt. Es handelt sich bei dem Buch nicht um einen Roman, es ist eine Sammlung von Erzählungen, und auch ein lyrischer Text ist dabei und eine Art dramatischer Text, die aber zusammengehören, und einen Bogen haben. Und das Gemeinsame von diesen Texten ist vielleicht die atmosphärische Verschiebung. Zum Beispiel Veränderungen, die in der Stadt Berlin vor sich gegangen sind, die man vielleicht gar nicht so festmachen kann, die aber sehr viel mit den unterschiedlichen Formen des Betrachtens einer Stadt, also architektonischen Formen und sozialen Formen des Zusammenlebens, zusammenhängen. Und ein anderer Schwerpunkt dieses Buches war eine Verschiebung festzumachen in der Art und Weise, wie Menschen sich unterhalten, das ist vor allem in einem Text, der "selbstläufer" heißt und der für mich sehr zentral ist für das Buch, da wird diese Verschiebung, denke ich, sehr deutlich. Dass die Menschen eine sehr hybride Art zu sprechen haben, sehr abgehoben. Und das scheint mir typisch eigentlich für den gesamten deutschsprachigen Raum, oder vielleicht auch noch in anderen Ländern, also das kann man gar nicht so lokalisieren, wo das stattfindet. Das ist eine Art, die vielleicht zu tun hat mit einer massenmedialen Ebene, die immer wichtiger wird im Leben der Menschen, also eine Verinnerlichung von massenmedialen Formen des Sprechens, also man kennt das von Fernsehshows oder von SitComs, deren Rezeption die Menschen doch sehr bestimmt. Ich denke was in den letzten Jahren sich verschoben hat, ist dass die Leute gar nicht mehr so richtig da sind, lokalisierbar sind in ihrem Leben, sondern so ein bisschen darüberschweben und das kann mitunter sehr gefährlich sein. Das führt dazu, dass die Bodenhaftung nur mehr das Ressentiment und eine reaktionäre Haltung ist, auf die man sich wieder zurückzieht, wenn man Boden braucht, weil man sich gar nicht mehr bewusst Gedanken macht um Situationen.

"krass überbewertet!" - "das ist total überbewertet!" - "die leute kaufen, kaum steht media drauf." - ja, kaum zu glauben, um das zehnfache des werts gestiegen, obwohl die nur internetauftritte machen. - haben kaum einen umsatz, schreiben direkt rote zahlen, doch die aktienwerte explodieren.
ja, krasse überbewertung auf allen seiten, nickt man sich zu, fast telefonisch - fast telefonisch nippt man am bier: "aber mit finanziellem effekt", "da müßte man dranbleiben" - "das wird sich schon zeigen!"
und aufgelegt. dann ist es wieder still. nächste runde? - nächste runde!
[Röggla: Irres Wetter. Salzburg, Residenz 2000]

EW Wann in den letzten Jahren sind diese Texte entstanden und wo sind sie entstanden?

KR Ich hab die in Berlin geschrieben, ich leb ja auch schon seit längerem in Berlin. Sie sind da in Neukölln entstanden, wo ich lebe. Das ist ein Stadtteil von Berlin, der proletarischen Hintergrund hat und jetzt sehr stark geprägt ist von Arbeitslosigkeit, und sehr viele Migranten leben da. Ich fühl mich eigentlich sehr wohl, um das gleich zu sagen. Es hat so beide Seiten, dass es schwierig ist für die Leute zum einen Teil und zum andern dass da auch sehr viel Leben ist.

EW Ich hab gelesen, dass ihre doch eher kurzen Texte bezeichnet wurden als mental maps. Wie würden Sie sie benennen?

KR Ich tu mir da selber sehr schwer. Ich hab keine einheitliche Bezeichnung für die Texte, manche würde ich schon als Erzählung bezeichnen, man kann auch von Installation sprechen, von Sprachinstallation, das ist aber vielleicht ein bisschen prätentiös. Für mich ist es nicht so wichtig zu bezeichnen, was ich da mache. Was ich mache, ist eine Verschränkung von Gesprächsformen mit einer örtlichen Beschreibung. Also es sind unterschiedliche Orte, die da vorgestellt werden, die es real gibt, und auch unterschiedliche Menschen befinden sich an diesen Orten, die auch unterschiedliche Schichten erleben und erlebt haben und das ist auch typisch für diese Orte. Wenn zum Beispiel in der schon erwähnten Geschichte "überfunktion, unterfunktion" es um eine Arztpraxis in Kreuzberg geht, dann ist das ein Stadtteil und ein Ort, der sehr befrachtet ist von einer linken, autonomen Bewegung und wenn ich da eine Mitte-Dreißiger-End-Dreißiger-Mutter mit ihrer vierzehnjährigen Tochter auftauchen lasse und der Generationskonflikt sichtbar wird, und es um die Siebzigerjahre geht oder überhaupt um eine politisierte Zeit, dann ist es sehr typisch, dass es dort stattfindet.
EW Das heißt, Ihre Recherchen waren Stadtgeografie und soziale Schichten, oder haben Sie überhaupt recherchieren müssen für dieses Buch?
KR Ich hab recherchiert, aber es war nicht so, dass es für mich unbekannte Orte waren. Eben diese Arztpraxis kenn ich und da hab ich dann nachrecherchiert. Den Tiergarten, die Love-Parade, das kennt man irgendwie nach all den Jahren des Geschehens. Für mich war dieses Buch auch eine Zusammenfassung meines Berliner Lebens. Nicht umsonst hab ich diese Orte aufgesucht, weil sie ja alle in einer gewissen Weise Versuche sind, das Leben irgendwie hinzukriegen oder zu bewältigen in einer eher schwierigen Situation. Also so ein kommunales Kino hat einfach gegen große Cineplexe und Cinemaxe keine Chance, es ist eine Situation, wo man kämpfen muss. Was mich an Berlin fasziniert hat, waren die unterschiedlichen Formen, Widerstand zu organisieren und auch ein armes Leben, oder ein Leben, was nicht finanziell so abgesichert ist, doch ein bisschen anders gestalten zu können, mit Selbsthilfegruppen, mit politischen Aktionen, ja mit den unterschiedlichsten Formen des Zusammenlebens. Und man merkt, dass die Stadt einfach immer noch sehr viel Peripherie mitten im Zentrum hat. Also es gibt nicht so eine klare Hierarchie wie in Salzburg, wo man einfach nur hinguckt, man sieht die Festung, man sieht den Dom und es ist klar, da ist der Erzbischof. Und es ist in Salzburg sehr viel hierarchischer strukturiert. Wobei es hier genauso Nischen gibt, die aber eher klein sind und es einfach auch keinen Hintergrund gibt, historisch, wie in Berlin, wo Neukölln zum Beispiel auf eine lange Geschichte des Widerstands auch zurückgreifen kann, im Faschismus. Da sind einfach immer noch Spuren da, obwohl natürlich das sehr, sehr schwierig wird momentan.

EW Das literarische Ich, das ist einmal eine Mutter, einmal eine Fotografin. Es geht in verschiedene Milieus, verschiedene Menschengruppen. Wo ist im Buch Kathrin Röggla, findet sich ihre Person als Fragment irgendwo?

KR Das ist eine interessante Sache. Also das letzte Buch, "Abrauschen", hat zwar mit mir auch nicht so viel zu tun gehabt, aber durch diese Ich-Erzählerin, die so monumental dahinerzählt, wird das sehr stark suggeriert. Für mich war das einfach auch ein Experiment wegzugehen, ich hab auch Ich-Erzählerinnen, aber die sind ganz zurückgenommen, also da geht es eher um den Blick auf Welt und nicht so diese Sprachskepsis, diese Sprache, die die ganze Welt umfasst, sondern mehr der Versuch, auch dokumentarisch etwas zu erfassen. Und wie gesagt, ich wollte dieses Buch meiner Zeit in Berlin auch widmen, wo es wie gesagt um einen gesellschaftlichen Zustand geht, der auch genauso gut Österreich betrifft. Also es ging mir da sehr stark darum, einen dokumentarischen Blick zu entwickeln. Ich hab eine Zeitlang einen Autor sehr gern gelesen, Hubert Fichte, der das wunderbar gemacht hat, und da war ich begeistert. Also abgesehen davon, dass ich das immer schon wollte, aber nicht gewusst hab, dass man das mit einem poetischen Ansatz verbinden kann, also einen dokumentarischen Blick mit einem poetischen Blick, ohne dass die Poetik dazu da ist, den dokumentarischen Blick zu verbrämen oder irgendwie zu schmücken, sondern das sich wirklich durchdringt.

EW Na das ist ja gelungen. Was ich auch gefunden habe in den Kritiken über Ihre ersten beiden Bücher, das war der Begriff "verquere Dialoge" im Börsenblatt. Woher kommt diese Sprache, sehen Sie sich auch als Endpunkt einer gewissen Sprachentwicklung? Die Basler Zeitung nannte es Jugendslang mit österreichischer Avantgarde, ist es das?
KR Das greift zwei Punkte auf, die schon auch wichtig sind, vielleicht österreichische Avantgarde ein bisschen mehr als der Jugendslang, weil ich denke, dass es sowas wie Jugendslang auch gar nicht mehr gibt, sondern das hat sich ja ausgebreitet auf fast alle Altersgruppen. Ich knüpfe an ganz unterschiedlichen Traditionen an, also zum Beispiel, man denke nur an jemanden wie Arno Schmidt, der sehr stark mit dialektalen Jargons gearbeitet hat, den find ich da sehr interessant. Man denke aber auch an jemanden, die sehr bekannt ist, Elfriede Jelinek, die mit so einer entfremdeten Sprache arbeitet. Das hat mich auch sehr geprägt. Oder eben Hubert Fichte, der diesen dokumentarischen Blick versucht. Natürlich interessieren mich sehr stark die Jargonsprechweisen unterschiedlicher Gruppen, die ja alle ihre Metaphorik, ihre Bildkraft und ihre Rhythmik und ihre sinnlichen Möglichkeiten haben. Und wenn jemand sagt "verquere Dialoge", dann versteh ich das eigentlich ganz positiv, weil es mit der Sprachkritik zusammenhängt. Mit diesem Miteinbeziehen der Kritik einer von Massenmedien bestimmten Bewusstseinslage, die natürlich jetzt nicht abzuschaffen wäre, also man kann die Massenmedien nicht abschaffen, ich bin nicht so, dass ich sag, um Gottes willen, Kulturpessimismus!, sondern man muss einfach gucken, wie sich das verbindet und was man vom Subjekt oder vom Ich überhaupt noch retten kann, oder wie man das beschreiben kann. Ich bin überhaupt kein Mediengegner. Es geht einfach nur um eine Beeinflussung des Bewusstseins, das ist aber schon seit 200 oder 300 Jahren so. Also das ist jetzt nicht, dass es erst seit gestern Massenmedien gibt, das ist ja immer schon so gewesen, aber es geht um eine bestimmte formale Verschränkung darin.

quatsch! - mensch, war doch "nur so als metapher" gemeint. nur so als bild - doch nur so als bild ist heute nahezu alles gemeint, "die welt besteht ja bekanntlich aus bildern", so jetzt martin, "ich meine, machen wir uns nichts vor", beginnt er von neuem, wir sitzen klischees auf, die wir bewegen, rhythmischen, bildlichen, formalen klischees."
gleichzeitig sitzen wir aber weiter an diesem ort, die hausmauern sinken nicht, die wände bleiben auch brav stehen. nicht viel los, im grunde ist die bude leer. "ist mittwoch abend" fängt jetzt wieder an. doch egal, wohin man geht, immer ist es das absolute nebenevent zu einem hauptevent, das dieselt woanders dahin, wo, wird nicht verraten, das stellt sich immer erst nachher heraus ...
[Röggla: Irres Wetter. Salzburg, Residenz 2000]


EW In einem der Texte kommt die Wahl in Deutschland vor, als Schröder Kanzler wurde. Haben wir einen Text zu erwarten, der die österreichische politische Situation beschreibt?

KR Ich hab mich jetzt mit Sekundärliteratur eingedeckt, ich muss sagen, ich finde das sehr heikel, was passiert in Österreich und damit muss man sich auseinandersetzen, das ist ganz klar, auch wenn ich in Berlin sitz, und werde das auch tun.

EW Was mir auch aufgefallen ist, waren Unterhaltungsfiguren aus der Kindheit in ihren Texten, Pan-Tau oder Taka-Tuka Land aus Pippi Langstrumpf.

KR Dass das vielleicht ein bisschen verstärkter vorkommt wie andere Begriffe oder Bilder, hängt damit zusammen, dass wir eben doch in einer Gesellschaft leben, die sehr stark infantilisiert wird, oder die infantilisiert ist, und dass solche massenmedialen Kindheitserinnerungen, also es geht ja nicht um wirkliche Erinnerungen, sondern um Erinnerungen an Sendungen oder an Sekundäres eben, dass das so überhand genommen hat, dass das auf einmal so wichtig wird. Statt der Lebensgeschichte, die man quasi als Erwachsener auch führen könnte, bleibt man immer in diesem Kindheitswunsch, also zurück zur Kindheit zu kehren. So was wie Initiation oder bürgerlicher Lebenslauf ist ja heute gar nicht mehr vorhanden und deswegen geschieht das auch so.

EW Haben Sie mit Ihrem Buch ein Ziel, wollen Sie etwas erreichen damit?

KR Also wenn ich ein Ziel hätte, dann dürfte ich es auf keinen Fall jetzt verraten. Natürlich hat man ein Bündel von Absichten, die sich nicht so schnell benennen lassen. All diese Sprachkritik in Verbindung mit einem dokumentarischen Blick, das war einfach mein Interesse. Vielleicht bei den Texten, wo die Sprachkritik im Vordergrund steht, wird es sicher auch schärfer, sozusagen böser.

 

Ausschnitt aus einem Interview vom 10-02-2000 im Literaturhaus Salzburg
KR Kathrin Röggla
EW Elisabeth Wasserbauer
Der Text ist entstanden im Rahmen der Lehrveranstaltung Literaturnetz Salzburg an der Universität Salzburg im Dezember 2000.

 

Ganzer Text als PDF (27 KB)

© Elisabeth Wasserbauer, 2001