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Haus, Frauen, Sex

Eine ungehaltene Rede

Autoren: Margit Schreiner
Verlag: Schöffling & Co., Zürich, 2001
Gattung: Prosa | Veröffentlichungstyp: Buch

Textproben:

11 Ich bin nie eifersüchtig gewesen . So ein Mann war ich nie, der seine Frau auf Schritt und Tritt verfolgt und immer nur mißtrauisch ist. Ich habe das nie verstanden, wenn andere Männer mir erzählt haben, wie sie aufpassen, wer wie mit ihrer Frau redet und was sie dann wie sagt und ob sie dabei lächelt oder nicht. Blödsinnig ist mir das immer vorgekommen. Weil wenn jemandem meine Frau gefällt, dann gefällt mir das auch. Da freue ich mich doch, daß meine Frau nicht nur mir, sondern auch anderen gefällt. Mir gefallen ja auch andere Frauen. Das wäre ja noch schöner, wenn mir keine andere mehr gefallen würde . Ich meine, da würde doch etwas nicht stimmen, das wäre doch krank. Ich habe im Gegenteil die Erfahrung gemacht, wenn mir die eigene Frau gefällt, dann gefallen mir die anderen Frauen auch. Und je besser mir andere Frauen gefallen, desto besser gefällt mir auch die eigene Frau. Weil es nämlich die Offenheit ist, die zählt. Wenn die Offenheit fehlt, dann fehlt sie auch bei der eigenen Frau. Sexuell meine ich jetzt. Aber darauf legen es ja die meisten Frauen an. Auf die mangelnde Offenheit. Weil wenn eine Frau erst einmal ein Kind bekommen hat, dann ist es sowieso meist aus mit dem Sex. Sie hat das Kind, also die Sicherheit, das Unterpfand, die Garantie, und dann interessiert sie die ganze Sexualität nicht mehr. Bei uns Männern ist das natürlich anders und deshalb habt ihr ein Interesse daran, daß wir nicht nur an der eigenen Frau das Interesse verlieren, sondern auch an den anderen Frauen. Na ja, man kennt das ja zur Genüge: Zuerst habt ihr dauernd mit dem Kind zu tun, dann seid ihr müde, habt Migräne undsoweiter. Dann kommt ihr darauf, daß wir schnarchen, das stört euch in der Nachtruhe, ihr schlagt getrennte Schlafzimmer vor undsoweiter undsofort. Immer, wenn wir uns nähern, paßt euch irgendetwas nicht. Entweder ihr habt gerade die Regel oder die Kinder schlafen noch nicht, oder ihr wollt nicht, weil wir nie mit euch reden oder weil wir zuviel geredet haben oder zu laut, oder weil wir etwas getrunken haben und ihr nicht mit einem Betrunkenen schlafen wollt oder weil wir nichts getrunken haben und deshalb grantig waren und weil ihr nicht mit einem Mann schlafen wollt, der immer grantig ist und keine Zärtlichkeit kennt undsoweiter. Das alles natürlich schleichend, hintenherum, indirekt. Nie, daß eine Frau einmal hergehen und ihrem Mann sagen würde, daß sie nicht mehr mit ihm schlafen will. O nein. Ihr tut auch noch so, als wolltet ihr ohnehin. Nur die Umstände sind immer dagegen. Keine Offenheit, keine direkte Aussage. So haltet ihr uns hin, bis uns die Lust vergeht. Aber nicht nur, wie gesagt, an der eigenen Frau, sondern an allen Frauen. Wenn das so kompliziert ist, denken wir uns unterschwellig, dann lassen wir es eben. Ganz anders wäre es natürlich, wenn Offenheit herrschen würde, weil dann würden wir uns vielleicht eine andere Frau suchen, die uns begehrt und die mit uns schlafen will, und die nicht immer irgendwelche Ausreden hat. Aber genau darum geht es ja. Das wollt ihr verhindern. Also tut ihr so, als wären die Umstände schuld daran, daß ihr nicht mit uns schlafen wollt. Und weil sich das ganze meist über Jahre hinzieht, zermürbt ihr uns natürlich. Verhindert jede Offenheit. Und damit habt ihr erreicht, was ihr wolltet, weil ihr damit die Garantie habt, daß wir nicht fremdgehen. Ihr seid ja ungeheuer egoistisch. Ihr interessiert euch nicht mehr für euren Kerl, aber er soll sich auch für keine andere Frau interessieren und eine andere Frau soll sich auch nicht für ihn interessieren. Wenn ich mich heute nicht mehr für meine Frau interessiere und ich merke, daß sich aber ein anderer für sie interessiert, dann kann das entweder der Anstoß sein, daß ich mich doch wieder für meine Frau interessiere, oder ich reiche die Scheidung ein. Das ist ganz einfach: Entweder oder. Nur, daß ihr ja keine klaren Verhältnisse kennt. Ihr interessiert euch nicht mehr für den Kerl, eine andere interessiert sich für ihn und ihr interessiert euch trotzdem nicht mehr für ihn, aber hergeben wollt ihr ihn auch nicht. Da werdet ihr auf einmal eifersüchtig, ohne daß ihr aber andersherum noch etwas von ihm wollt. So eine Logik mußt du erst einmal verstehen als Mann. Das nenne ich Egoismus und Pragmatismus. Es geht um das Finanzielle, das ist alles. Und um das Prestige. Es geht darum, was die anderen sagen, wenn der Kerl eine andere hat, es geht um lauter Äußerlichkeiten. Nur um den Kerl selbst geht es nicht. Nur um die Liebe geht es nicht. Das sind die Frauen. Im Grunde lieblos. Äußerlich. Oberflächlich. Der Schein muß stimmen, das ist die Hauptsache. Nur keine Verunsicherung, kein Risiko, alles soll abgesichert sein, und dann gehen sie noch her und wollen eine harmonische Ehe führen. Aber ohne Sex. Weil der führt sowieso nur zur Disharmonie. Und als Mann läßt man sich das jahrelang gefallen. Denkt an die Familie, an die Verantwortung, an die Pflicht. Sieht keine anderen Frauen mehr, wird zu einem asexuellen Wesen, das nur mehr Geld verdient und in seiner Freizeit im Hobbyraum tischlert. Und am Ende hält man sich noch für einen freien Menschen, nur, weil die Frau einen in Ruhe läßt. Man hat schließlich schon von anderen Fällen gehört, da dürfen die Männer nicht einmal in ihrem Hobbyraum tischlern, sondern müssen immer im Wohnzimmer sitzen und mit der Familie Mensch-ärgere-dich-nicht spielen. Man hört von Xanthippen, die nur herumkeifen, von Verschwendungssüchtigen, die das ganze Geld, das der Mann verdient, für Kleider oder Schmuck ausgeben, und man kommt zu dem Schluß, daß man ungeheures Glück gehabt hat mit einer Frau, die einen in Ruhe läßt. Man sagt sich, so ist die Frau nun einmal geschaffen, sie hat nicht das Interesse am Sex wie der Mann, man erinnert sich an irgendwelche Zeitungsartikel, Hormone undsoweiter, Ausschüttungen im Kleinhirn. Und eines Tages erfährt man dann, daß sie einen Geliebten hat. Eines Tages wird einem dann klar, daß die Frau, der man immer mangelndes sexuelles Interesse a priori attestiert hat, tagelang mit einem anderen rumbumst. Womöglich in der eigenen Wohnung. Und daß sie womöglich mit dem anderen Dinge macht, die sie mit uns nie gemacht hat. Und da hört es auf, da wird es pervers, wißt ihr. Da zeigt sich euer wahrer Charakter, der nichts anderes als ein egoistischer und ein lüsterner Charakter ist. Da könnt ihr auf einmal die Spitzenunterwäsche anziehen, die jahrelang unbenutzt im Schrank herumgelegen ist. Auf einmal tut euch das nicht mehr weh, wenn euch einer von hinten bumst. Glaubst du, ich weiß nicht, daß ihr im Grunde viel triebhafter seid als wir? Das hab ich schon bei der Elfi damals gemerkt. Die Elfi hat immer wollen, das war am Ende direkt eine Belastung. Schließlich arbeiten wir ja. Und wenn du dann heimkommst am Abend und du weißt schon, da wartet eine auf dich, die immer nur das Eine will, kaum bist du bei der Tür hereingekommen, zieht sie dir schon die Hose aus, und du solltest immer können, weil die Weiber ruhen sich ja den ganzen Tag aus und denken an nichts anderes als an das. Und außerdem ist es ja heute wissenschaftlich bewiesen, daß ihr immer könnt. Ihr habt ja keine Potenzprobleme. So eine Frau kann stundenlang einen Orgasmus nach dem anderen haben, ohne Unterbrechung. Ihr kennt kein Maß und Ziel. Auch nicht in sexueller Hinsicht. Entweder ihr wollt gar nicht, oder ihr wollt immer. Da gibt es ja Filme darüber, wo man sehen kann, wie das endet. Hast du einmal Im Reich der Sinne gesehen? Natürlich hast du es nicht gesehen, weil du hast immer nur davon geredet, daß du ins Kino gehen möchtest, aber gegangen bist du nie. Weil ich am Abend einfach nicht mehr die Kraft gehabt habe, ins Kino zu gehen und alleine bist du zu feige dazu gewesen. In dem Film Im Reich der Sinne jedenfalls, da kann man sehen, wohin das führt. Da sperrt die Frau den Mann in ein Zimmer ein, nimmt ihm die Kleidung weg, damit er nicht mehr ausgehen kann, und dann bumsen sie bis zur totalen Erschöpfung. Am Ende erwürgt sie ihn und schneidet ihm den Schwanz ab. Ja, so ist das. Ein Mann weiß seine Grenzen. Ihr habt keine, rein physikalisch. Ihr nehmt euch, was ihr wollt und wir sollen funktionieren. Das ist schon in der Bibel festgehalten. Oder woher glaubst du hat die Jungfrau Maria ihren Sohn, wenn sie den Ehemann nicht rangelassen hat? Es ist ja das alte Muster. Der Kerl war älter als sie, aber natürlich eine gute Partie, sie heiratet ihn, setzt ihr jungfräuliches Lächeln auf, läßt ihn nicht ran und eines Tages ist sie schwanger. Ich habe die Geschichte schon immer abstoßend gefunden. Das habe ich auch damals dem Pfarrer gesagt, als ich vierzehn Jahre alt war und schon lange Meßdiener, und der fragt mich bei der Beichte, ob ich Unkeuschheit getrieben hätte. Na dem habe ich vielleicht etwas erzählt. So etwas von Verlogenheit habe ich noch nie geduldet. Redet da herum, über Keuschheit undsoweiter und setzt uns die Mutter Gottes mit ihrem unehelichen Balg vor die Nase. Der Sohn Gottes, sagt er, sei nicht unehelich, sondern geistig gezeugt, weil er nämlich nicht aus fleischlicher Lust entstanden sein könne. Wenn sich Gott zu schade ist für die fleischliche Lust, habe ich dem Pfarrer damals im Beichtstuhl gesagt, dann hätte er sie ja auch dem Menschen nicht mitgeben müssen. Das ist doch alles nur eure Verklemmtheit, habe ich gesagt, daß ihr die Dinge herumdreht und wendet, nur weil ihr selbst nicht randürft. Der Pfarrer hat damals herumgelabert über die Freiheit des Menschen und über die Sünde und daß es ja nur eine Sünde geben kann, wenn der Mensch auch frei ist, sie zu begehen und daß es darum die Sexualität gäbe, damit der Mensch ihr widerstehe. Jedenfalls in einem bestimmten Rahmen, in einem anderen Rahmen wiederum sei es etwas anders, in der Ehe zum Beispiel. Obwohl es natürlich auch in der Ehe gewisse Grenzen gebe. Mein Gott, die Ehe! Was weiß so ein Pfaffe denn über die Ehe. Der fällt natürlich herein auf die Hausfrauen, die zu ihm kommen und beichten und ihm im Beichtstuhl irgendwelche Geständnisse der abstoßendesten Art machen über die Perversionen ihrer Ehemänner und der ermutigt sie dann auch noch, zu widerstehen. Und sie gehen zufrieden aus dem Beichtstuhl hinaus, beten zwanzig Ave Maria und lächeln der Heiligen Mutter Gottes vorne auf dem Altar zu. Und dann gehen sie los und treffen sich mit ihrem Liebhaber. Und während der Liebhaber sie befummelt, erzählen sie ihm von den Perversionen ihrer Ehemänner und wie die sie knechten. Der Liebhaber bestärkt sie natürlich dabei, schüttelt den Kopf, äußert sich abfällig über die Rohheit des Ehemanns, über seine Verkommenheit, und versucht, ihr weiszumachen, daß mit ihm alles ganz anders wäre. Na ja, und wenn er genug Geld verdient und der Frau etwas bieten kann, so daß ihr kein Nachteil entsteht, dann läßt sie sich eines Tages vielleicht sogar scheiden und heiratet dann den Liebhaber. Vielleicht ist es ja das, was du planst. Du tust jetzt so, als wärst du ganz alleine ausgezogen, hättest alleine die Scheidung betrieben, die Wohnung gesucht und das Kind in der Schule und dem neuen Hort angemeldet und so nach ein, zwei Jahren, wenn Gras über die ganze Sache gewachsen ist, dann heiratest du den andern? Falls er dich nimmt. Weil das mußt du bedenken, Marie-Thér?se!, wenn du zu lange wartest, dann könnte der vielleicht daraufkommen, was du für eine Schlampe bist und wie unselbständig du im Grunde bist und daß kein Mensch wirklich mit dir zusammenleben kann. Dann wird er dich vielleicht nicht mehr heiraten und dann stehst du da und bist wirklich allein. Du wirst es mir vielleicht nicht glauben, aber ich mache mir Sorgen um dich.

aus: Schreiner, Margit: Haus, Frauen, Sex. Eine ungehaltene Rede. Haffmanns 2001 / 2001

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