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Drift

Autoren: Judith Gruber-Rizy
Verlag: Edition Art Science, St. Wolfgang, 2009
Gattung: Prosa | Veröffentlichungstyp: Buch

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Textproben:

Natürlich hätte Rosa alles anders machen können, aber das tat sie nicht. Widersetzte sich vielmehr noch vor ihrer Geburt der schwierigen Persönlichkeit ihrer Mutter und schlug damit einen ganz bestimmten, für Jahrzehnte beinahe unverändert bleibenden Weg ein, den sie erst nach dem Tod der Mutter in Frage stellen sollte. Schon im Mutterleib also legte sich Rosa quer und verweigerte sich damit der Mutter. Eine Gallenblasenentzündung diagnostizierte der Arzt damals an der Schwangeren, dabei lag der Embryo Rosa lediglich so im Bauch, dass er gegen verschiedene Organe der Mutter drückte, möglicherweise auch gegen die Gallenblase, um sich bemerkbar zu machen und der Mutter von vorne herein klarzumachen, dass Rosa sich ihr deren Leben lang widersetzen würde. Das tat Rosa auch bis zum Tod der Mutter, bei dem sie ihr die Anwesenheit verweigerte, um sich nicht ein allerletztes Mal den Anweisungen, Ratschlägen und Vorwürfen aussetzen zu müssen, vielleicht aber auch aus Angst davor, der Mutter selbst in diesem Moment nicht ehrlich und offen gegenübertreten zu können. So kam Rosa erst zur sterbenden Mutter, als diese bereits im Koma lag, wahrscheinlich nicht mehr hören, sicher aber nicht mehr sprechen konnte. Rosa strafte sich dafür über den Tod der Mutter hinaus mit Schuldgefühlen und später mit dem Gefühl, etwas absolut Unwiederbringliches versäumt zu haben und nie mehr erfahren zu können, was die Mutter im Angesicht und Bewusstsein des sehr nahen Todes ihrer Tochter Rosa noch mitzuteilen gehabt hätte. Dieser Aspekt tauchte allerdings erst herauf, als Rosa ihre Querlage zur Mutter zu überdenken begann und dabei so manches im Mutterleben, vor allem aber im eigenen Leben, neu zurecht rücken musste, was nicht heißt, dass Rosa die alte Querlage in eine Senkrechte und damit eine Geradlage verwandelte, sie ging nur von dieser sperrigen und zur Unbeweglichkeit zwingenden Querlage ab, ohne in völlige Angepasstheit umzuschwenken. Das hatte Rosa natürlich auch kurz vor ihrer Geburt getan, hatte die Querlage im Mutterbauch verlassen, der Mutter damit Erleichterung verschafft, die diese aber auf eine strenge und für den Embryo Rosa leider sehr entbehrungsreiche Diät zurückführte, und war nun bereit, Kopf voraus den Mutterkörper mehr oder weniger problemlos zu verlassen. Das wiederum ging der Mutter zu schnell, so rasch wollte sie ihr Kind nicht loslassen, trotz zweiwöchiger Überzeit versuchte sie dieses Bauchkind noch weiter zurückzuhalten, gab vor sich selbst und der Großmutter des Kindes die ersten Wehen als einfache Bauchschmerzen aus, legte sogar zur Milderung dieser Schmerzen eine Wärmeflasche auf den riesigen Bauch und ließ sich von der Großmutter erst dazu überreden, in die Klinik zu fahren, als Rosas Kopf schon fast aus ihr herausschaute. Doch selbst dann verweigerte sie sich noch den Realitäten, verschloss sich nach unten hin, obwohl ihr ganzer Körper dieses Kind schon längst ans grelle Kreißsaal-Licht pressen und drücken und schieben wollte. Erst als die Ärzte den Prozess des Pressens und Drückens mittels einer Injektion vorübergehend stoppten und der Mutter damit eine Nachdenkpause gönnten, in der sie sich mit dem Gedanken anfreunden konnte, dieses, ihr Kind, von dem sie noch nicht wusste, ob es männlichen oder weiblichen Geschlechts war, jetzt endlich doch nach so vielen Monaten des ganz und gar Bei-sich-Habens freizugeben, öffnete sie sich. So rutschte Rosa schließlich in der Mitte eines Jahrhunderts und fast genau zur Mitte des Mutterlebens, wie sich später herausstellen sollte, als der Teil des Mutterkörpers heraus, der die Mutter als einziger überleben sollte. Sie sei, berichtet Rosa als erwachsene Frau und wahrscheinlich bereits in der Mitte ihres eigenen Lebens, in ein rundherum von Frauen geprägtes Haus hineingeboren worden. Das habe sie selbst jedoch nicht so beachtet, sei es ihr doch als Selbstverständlichkeit erschienen. Erst jetzt, erzählt Rosa, werde ihr dieser Umstand als etwas Außergewöhnliches bewusst. Denn nicht in ein alltägliches Vater-Mutter-Kind Leben wurde Rosa hineingeboren, sondern in ein Großmutter-Tante-Mutter-Rosa Leben, mit einem Vater, der nur zeitweilig am Rande vorbeistreifte, wie eine Art von Komet, zwar immer wiederkehrend, in einer Mischung aus Ängstlichkeit und Freude betrachtet, aber genauso sicher auch wieder fortziehend, ohne eine wirkliche Lücke zu hinterlassen. Tatsächlich schien Rosa der Vater lange Zeit ein Fremder zu sein, ein Eindringling ins geordnete, sichere Vierfrauenleben, zu dem Rosa gar keine engere Bindung haben wollte und den Rosa auch gar nicht näher an sich heranlassen wollte. Versteckte sich hinter dem Großmutter-Rock vor diesem Mann, beobachtete aus sicherer Entfernung, wie er die Mutter küsste, zurückhaltende, nur hingehauchte Küsse verteilte er, dennoch sah Rosa Gefahr für die Mutter und damit für sich selbst, könnte doch dieser Mann einen Keil in die Großmutter-Tante-Mutter-Rosa Ordnung treiben, die Mutter heraustrennen aus dieser Sicherheit und auf seine Seite ziehen. Dabei, beschreibt Rosa später, habe sie immer nur befürchtet, dass dieser Mann ihre Mutter herauslösen könnte, nie aber habe sie auch nur im Entferntesten daran gedacht, dass es ihm gelingen könnte, ausgerechnet Rosa selbst auf seine Seite zu ziehen. Aber gerade deshalb, weil Rosa gar so ahnungslos gewesen sei, sei ihm dies später so perfekt gelungen, berichtet Rosa. Vorhin ein Anruf von Clara. Seit Monaten kein Kontakt mehr, zuletzt die gegenseitigen Weihnachtskarten. Habe mir seit Wochen vorgenommen, sie anzurufen und es dann doch nicht gemacht. Ohne begründen zu können, warum nicht. Jetzt also hat sie angerufen. Rasch zwischen zwei kleineren Reisen. Daher auch kein Treffen vereinbart, werde sie aber sicher nach Ostern anrufen und sie dann besuchen. Immer besuche ich Clara, sie war noch nie bei mir. Ich glaube, dass ich mich in ihre Wohnung verliebt habe. Schon wenn ich die vielen Stufen zu ihrer Wohnung hinaufgehe, ist es, als würde ich in meine eigene Vergangenheit eintauchen. Dieses alte Haus, der Geruch im Stiegenhaus, der Blick in den Hof mit den alten Bäumen. Und dann oben ihre Wohnung. Ohne Vorzimmer direkt hinein in die Küche, die Blumenstöcke am Fenster, die improvisierte Garderobe. Und die dicken Filzpantoffeln anziehen, weil es bei ihr immer kalt ist. Obwohl an den Vormittagen die Sonne so wunderbar hineinscheint in Küche und Wohnzimmer. Schon alleine deswegen gehe ich so gerne zu Clara und immer am Vormittag. Diese sonnige Wohnung, das Zimmer so hell, selbst hinten, im letzten Winkel noch hell. Sonnendurchflutet. Dabei bin ich sicher, dass ich nicht nur bei Sonnenschein in Claras Wohnung war, aber es kommt mir vor, als würde in dieses Zimmer immerzu die Sonne scheinen. Der Kamelsattel auf dem Boden vor dem Fenster, Mitbringsel ihres langen Afrika-Aufenthaltes. Die alte Kredenz und der riesige Tisch mit dem indischen Baumwolltuch als Tischdecke. Ich tauche richtig ein in diese Wohnung, in diese Welt, die natürlich Claras Welt ist und nicht meine. Aber ein wenig kann ich mitnaschen an dieser Welt, wenn ich Clara besuche. Wir trinken Kaffee, essen Kuchen und reden. Und ich fühle mich, als könnte es mein Zuhause sein. Irgendwann werden sie dieses alte Haus abreißen, nur mehr in den beiden oberen Stockwerken wohnen Leute, unten ist schon alles leer. Irgendwann wird Clara also ausziehen müssen, und ich fürchte mich regelrecht davor, denn ohne diese Wohnung wird Clara eine andere sein und mir wird etwas fehlen. Immer, selbst wenn ich Clara monatelang nicht sehe und auch nicht mit ihr telefoniere, kann ich mich in die Atmosphäre ihrer Wohnung flüchten. Ein Gefühl von Selbständigkeit kommt dann in mir auf, ein Gefühl von Jungsein, von Abenteuer, von Weltoffenheit, das Gefühl, in dieser Wohnung alles träumen zu können. Abenteuerlichste Reisen träumen zu können, im Sommer um vier Uhr morgens aufstehen und den Sonnenaufgang erleben zu können, spontan sein zu können. Natürlich liegt das daran, dass ich früher selber eine ähnliche Wohnung bewohnt habe, diese Zimmer-Küche-Kabinett-Wohnung ohne Vorzimmer. Auch in mein Zimmer schien an den Vormittagen die Sonne und machte den Raum strahlend hell und warm. Aber da stand kein Kamelsattel vor dem Fenster und es lag kein indisches Tuch auf dem Tisch. Es ist, als wäre diese Wohnung nie wirklich meine Wohnung gewesen, auch dann nicht, als ich alleine darin lebte. Und manchmal denke ich, dass Claras Wohnung, so wie sie jetzt ist, viel mehr meine Wohnung sein könnte, als die Zimmer-Küche-Kabinett-Wohnung, die ich damals bewohnte. Immer endlose Geschichten bereit haben. Über Generationen hin, zurück und nach vor. Eindringen in Lebensgeschichten, sie weiterdenken und auch dazuerfinden. Aber immer ein wahrer Kern. Oder auch gar nichts erfinden müssen, nur zurückgreifen zu Kindheitsgeschichten, Großmutter-Geschichten, Mutter-Geschichten, darin wühlen können und die eine oder andere Geschichte hervorholen, ihre Landschaften, ihre Gefühle, ihr Erleben. Sich einlassen auf diese Geschichten, überliefert oder selbst erlebt, manche nur selbst gehört. Manchmal auch Landschaften mit Geschichten eng verbunden oder Gegenstände, Bilder, Häuser, Möbel, Kleider, Gerüche. Aus dem neuen Anzug, den der Sohn nicht mehr tragen konnte, weil er in den allerletzten Kriegsmonaten umkam, ein Kostüm für dessen Mutter schneidern lassen, in dem sie schließlich begraben wurde. Der Glaskasten von der Ururgroßmutter. Als Hochzeitsgeschenk für die Großmutter, mitgezogen in jede Wohnung, vom Vater in den Keller verbannt, von der Mutter hervorgeholt und von der Tochter restauriert. Erinnerungsschmuckstück in einem Arbeitszimmer. Der ständige Blick darauf verpflichtet zum Erinnern und Berichten und Erzählen. Ururgroßmutter-, Urgroßmutter-, Großmutter- und Mutter-Geschichten. Keine fremden Geschichten dazu nötig, obwohl so viele gehört und gelesen, über so viele Generationen. Oder fremde Geschichten mit eigenen Familiengeschichten verbinden können. Gelesen, dass der berühmte Dichter die Sommer in seiner Sommerfrische-Villa in E. verbrachte. Einige hundert Meter Luftlinie vom Haus der Großtante entfernt. Fast in Blickkontakt also der Dichter und die Großtante, diese allerdings zwanzig Jahre jünger als der Dichter, ein rundes, dralles Mädchen, später eine üppige Frau, vielleicht schaute er ihr nach, wenn sie auf dem Fahrrad an seiner Villa vorbeifuhr, vielleicht sprach er sie an, vielleicht lachte sie über ihn, weil sein Hut so seltsam. Mit Geschichten leben und in Geschichten leben. Hineintauchen in eine Geschichte voller Landschaftsbilder. Muss nicht immer Berg und See sein, kann auch Ebene sein, oder Hügellandschaft, oder Meerlandschaft. Aber wenigstens in Gedanken die Geschichten immer in einer Landschaft angesiedelt. Keine Geschichte ohne Landschaft denkbar. Sodass Landschaften und Geschichten irgendwann einmal untrennbar miteinander verbunden. Menschen mit Landschaften untrennbar verbunden. Aus ihrer Landschaft herausgerissen, werden die Menschen fremd. Nicht nur in den Geschichten. Landschaften beschreiben und mit ihnen die Menschen. Weil manche Landschaften die Menschen mehr prägen als andere. Aufgehoben zwischen Bergen, festgeklammert in der Ebene, schwebend auf Hügeln, weitschweifend an großen Flüssen, festgehalten an Seen. Zum Meer hin kein Gefühl, außer einem Fremdsein. Daher alle Meergeschichten fremd und beängstigend. Am meisten die vom Cousin der Mutter, der als junger Mann mitten im Krieg in ein U-Boot hineingezwungen und durchs Meer geschickt. Ohne Hoffnung auf Überleben. Und dennoch später ein lachender, fröhlicher, spitzbübischer Mann geworden. Aber ohne Sehnsucht nach dem Meer. Die Meergeschichten der Mutter hingegen voller Sehnsucht nach Weite und Fremde und Abenteuer. Dennoch die Mutter nicht an der Küste geblieben. Nicht einmal am Seeufer. Und deshalb sich selbst verloren in der Ebene. Landschaften für Vergangenheitsgeschichten, Landschaften für Gegenwartsgeschichten, aber bisher keine Zukunftslandschaft gefunden. Außer einer Stadt. Aber diese nur auf Widerruf. Vielleicht deshalb, weil die Stadt die Landschaft begräbt. In Geschichten hineintauchen und manchmal darin fast ertrinken. Oder nur schwer auftauchen können. In manchen Geschichten Halt finden, in anderen von Schwindel erfasst und von Angst ergriffen werden. Aus Angst davor, in ihnen den Halt zu verlieren und für immer mit der Geschichte mittreiben zu müssen. Trift statt Drift, aber die Trift meist ungewollt. Nur die Drift gerne zulassen. Von Geschichte zu Geschichte driften und im Driften manchmal erst die Verbindungen entdecken. Obwohl immer alles mit allem, aber doch nicht so offensichtlich. Den Dichter und sein Werk kennen, die Großtante kennen, aber die Sommernähe zwischen ihnen erst spät entdecken. Da sind beide schon lange tot und können nicht mehr befragt werden, gäben aber Stoff für eine neue Geschichte. In der Verbindung. Driftgeschichten und Geschichtendrift. Sich weiter treiben lassen und die nächste Geschichte zulassen. Einfach so, ohne einzugreifen, ohne zu lenken, ohne Zensur. Die Geschichten einfach aufkommen lassen, herantreiben lassen, sich ihnen nähern, sie erfassen und von ihnen erfasst werden. Und dann weitertreiben und andere Geschichten nähern lassen. Unendlich, weil immer neue alte Geschichten und aus zwei eine dritte, und daraus wieder neue und daher ohne Ende. Nie also ein Punkt unter die letzte Geschichte.

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