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Die Farbe der Angst

Roman

Autoren: Corinna Antelmann
Verlag: Resistenz Verlag, Neuhofen/Krems-Linz-Wien, 2009
Gattung: Prosa | Veröffentlichungstyp: Buch

Textproben:

... Dana hörte ein krachendes Geräusch, schaute auf, hinter der Scheibe zur Küche stand Lukas, ruhig in sein Schaum-Schlagen vertieft. Wieder das Krachen; es erklang direkt unter Danas Stuhl, stieg zu ihr empor, und als sie hinunterblickte, da sah sie, wie sich der Boden unter ihr öffnete: ein Erdbeben. Dana schaute erneut, dieses Mal hilfesuchend, zu Lukas, der den Blick nicht erwiderte; fluchend hielt er seine verbrannte Hand unter Wasser. Und bevor sie nach ihm rufen konnte, da fiel sie bereits, fiel gemeinsam mit ihrem Stuhl durch das Loch unter ihrem Sitzplatz, fiel in den Keller hinunter, so dachte sie. Aber nein, keine Kellergänge zu sehen, kein Grund, kein Fundament; der Stuhl sauste ins Bodenlose, ohne Geräusch, ohne Aufprall und Zersplittern, irgendwohin, weit weg, erst in letzter Sekunde gelang es Dana, sich klammernd am Rand des Kraters festzuhalten. Das Möbelstück war nicht mehr zu sehen; stattdessen breitete sich unter ihren Füßen eine Landschaft aus, entrückt, anders, biblisch vielleicht, nein unbekannt. Oder lag dort die Mongolei, dort unten, auf der anderen Seite von Hamburg, sie hatte sich nie für Geografie interessiert. Nein, das da waren keine Mongolen, was dann: ein zu Volk verdichteter Menschenhaufen, der aufgeregt hin- und herlief, gescheucht von Soldaten in purpurnen Gewändern, die herum brüllten und die Menschen hinter eine Absperrung zusammentrieben. Sie trugen Schwerter, die Herren Soldaten, ein Krieg tobte, so sah das doch aus: Krieg, ja, das mussten Römer sein. Römer, die sich purpurn gewandeten, in der Farbe teurer Desinfektionsmittel; soviel sie wusste, hatten die Römer Harnische gehabt, metallfarbene Harnische.
Das alles dachte Dana und dachte es auch nicht, weil der Schreck das Denken lähmte. Sie schwitzte, ihre Finger taten weh, so angestrengt krallte sie sich fest, um nicht hinter ihrem Stuhl her zu fallen. Sie schwitzte heftiger, schloss die Augen und rief nach Lukas: Lukas, komm, zieh mich hoch. Sie rief nicht, sie schrie, und endlich spürte sie tatsächlich Lukas‘ vom Cool-Pack gekühlte Hand, mit der er ihr die schweißigen Finger von der Tischkante löste. Sie fühlte ihr Gesäß klitschnass auf dem Stuhl, den sie eben noch auf Nimmerwiedersehen verschwunden geglaubt hatte.
Alles in Ordnung, hörte sie eine ferne Stimme direkt an ihrem Ohr, dann kippte sie mit noch immer geschlossenen Augen vom Stuhl herunter und blieb auf dem abgewetzten Dielenboden liegen ...

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