Publikationen-Suche:

Was man hier verloren hätte

Autoren: Claudia Bitter
Verlag: edition linz, Linz, Wien, München, Weitra, Raabs, 2001
Gattung: Prosa | Veröffentlichungstyp: Buch

Kein Foto vorhanden

Textproben:

weintrinken in den keller gehen, die steile treppe hinab, im letzten eck, von dort eine flasche wein holen, noch lange nicht die letzte, vorsichtig die flasche haltend die steile treppe hinaufsteigen, lange noch nicht die letzte flasche, heute die erste, die kellertüre nur anlehnen, die flasche auf den tisch stellen, nicht weit von der kellertür, auf den morschen gartentisch stellen, sich auf den stuhl beim tisch setzen, sich richtig hinsetzen, nichts denken, der korkenzieher liegt bereit, bereit an seiner stelle auf dem tisch liegt er, wartet auf das öffnen, den korkenzieher ergreifen, ihn fest in den korken drehen, ein ganz normaler gerader korken, kurz an einen sektkorken und seine form denken, dann wieder nichts denken, die weinflasche zwischen die knie klemmen und mit einem schwung den korken herausziehen, dieses geliebte geräusch des korkenherausziehens, die offene flasche auf den tisch stellen, wie sie da steht, klar, grün, edel, voll, das etikett nicht lesen, sich nicht dafür interessieren, lieber die flasche berühren, ihre kühlheit spüren, sie vielleicht kurz an die wange halten, dann aber schnell in die küche gehen, ein weinglas aus der kredenz nehmen, das gewöhnliche achterlglas, das auf grünen wulstigen ringen steht, sehr gut in der hand zu halten, dieses gewöhnliche weinglas, es nicht gegen die sonne halten und auf sauberkeit prüfen, nur zum tisch zurückkehren und es behutsam daraufstellen, sich hinsetzen auf den hölzernen stuhl beim tisch und endlich die flasche heben, wie schwer sie noch ist, trotzdem mit einer hand heben und einschenken, endlich einschenken, nichts denken, wie es gluckst, wie gelblich er rinnt dieser weißwein, wie kühl er schmecken wird, schon den geschmack auf der zunge spüren, wie gut kühl an so einem sommertag, nicht ganz vollschütten das glas, lieber öfter nachschenken, nicht an soda zum aufspritzen denken, nur pur, jetzt aber trinken, gezielt, etwas aufgeregt, nach dem glas greifen, heute zum ersten mal nach dem vollen weinglas greifen, es an den mund führen, zu den ausgetrockneten lippen hinführen, ein schlürfender erster schluck, der erste schluck wein heute, kurz im mund behalten, nicht lautlos schlucken, den zweiten schluck schneller und sicherer nehmen, noch ein paar schlucke, das kühle spüren, wie es hinunterrinnt, nicht daran denken, wo es genau hinrinnt, das glas wieder genauso behutsam hinstellen, woran jetzt denken, ans weintrinken, nur ans weintrinken denken, glas zum mund führen, trinken, glas hinstellen, nachfüllen, an nichts anderes denken, die flasche wenigstens in den schatten stellen, das kühle tut so gut, so kühl, so allein tut es gut, nur manchmal rundherum schauen, die bäume, die wiese, das gras, die steine, zurück zum tisch, zur flasche wein, zum glas, zum mund, an nichts anderes denken als ans weintrinken und es auch gehörig tun, nichts anderes sehen wollen, nur diesen ausschnitt vom weintrinken, diesen ausschnitt der wirklichkeit, so wie sie ist und wie es gut ist, die dämmerung nicht bemerken, später erst die plötzliche finsternis, und sich doch nicht wundern, ruhig sitzen bleiben im stuhl, sich nur vorlehnen, um nachzuschenken, sonst nach hinten gelehnt sitzen und trinken, mit blick auf tisch und flasche und glas, mit derselben ruhe und konzentration rauchen, die zigaretten, etwas abseits von flasche und glas liegend, nehmen, anzünden mit dem feuerzeug aus der hosentasche, es wieder in die hosentasche zurückstecken, es nie auf dem tisch liegen lassen, alles so einfach wie weintrinken, einfach nur rauchen, an der zigarette ziehen und dann den rauch ausblasen, irgendwann ausdämpfen, erst ganz am filter, am anfang nur eine zigarette pro achterl rauchen, später nicht mehr daran denken, gar nicht mehr bemerken, wie viele zigaretten geraucht wurden und werden, nie das weintrinken vergessen beim rauchen, der wein steht an erster stelle, zuerst die weinflasche und das glas, dann erst kommt alles andere, die flasche immer leichter zu heben, einschenken wird ein leichtes spiel, nie ganz voll einschenken, nichts verschütten, obwohl doch genug da ist, nichts denken, es einfach finster werden lassen beim trinken, nichts davon hören oder sehen, nur weingeräusche in sich und um sich, manchmal ein blick auf den korkenzieher, wie er wartet, auf die zweite, auf die nächste noch ganz kühle aus dem keller, jetzt etwas schneller trinken, die schlucke werden größer, der mund geräumiger, der bauch wohliger gefüllt, nur manchmal die klogänge, so weit wie möglich hinausschieben, dann aber doch, noch einmal ausgiebig aus dem glas trinken, es vielleicht sogar leertrinken, seufzen und sich aufraffen, schnell aufstehen, am anfang noch geraden schrittes zum klo eilen, die türe offen stehen lassen, trotzdem kein blick auf den tisch, die flasche, das glas, später aufpassen, das hinunterspülen nicht vergessen, vielleicht den hosenknopf offenlassen, ohne umwege sofort wieder zum tisch zurückgehen, später vielleicht einmal stolpern, sich beruhigend wieder auf den stuhl setzen und gleich nach dem glas greifen, mit der anderen hand gleich nach der flasche greifen und das glas auffüllen, es lieber gleich auffüllen, wenn es auch noch nicht leer ist, der durst ist groß nach dem klogang, den bauch wieder füllen, jetzt ist wieder ruhe eine zeit lang, an keinen weiteren klogang mehr denken müssen, wieder nur dasitzen, ans weintrinken denken, dazwischen eine zigarette rauchen, den wein nicht aus den augen lassen dabei, beobachten wie die flasche sich leert, so schnell, und doch noch etwas wein in der flasche, bald kommt der gang in den keller, die steile treppe hinunter zu den flaschen, noch ist es nicht gefährlich, noch ist wein in der flasche auf dem tisch, schon jetzt mit dem korkenzieher spielen, seine spitze leicht in die haut der handfläche drücken, was tut schon weh, der schluck wein tut gut, nicht mehr so kühl wie am anfang, an andere denken, die jetzt auch wein trinken, vielleicht nicht alleine, vielleicht einen anderen wein, das etikett nicht beachten, nur selber wein trinken, jetzt schon hastig, endlich, die flasche ist leer, aufstehen, etwas wanken dabei, in den keller gehen, die steile treppe hinuntersteigen, schon die neue flasche in der hand halten, noch so viele flaschen da unten, noch lange nicht die letzte, erst die zweite an diesem heißen sommertag, oder ist es schon nacht, wie wieder hinaufkommen, sich auf das gehen konzentrieren, die flasche auf den tisch stellen, sie steht nicht gerade, sich auf den stuhl plumpsen lassen, wo ist der korkenzieher, nicht an seinem platz, doch da liegt er ja, er scheint verbogen, die knie halten nicht zusammen, die flasche muss geöffnet werden, aufstehen, die flasche auf den boden stellen, den korkenzieher hineindrehen, den korken herausziehen, das geräusch ist verzerrt, fast umfallen beim korkenherausziehen, schwer atmen nach der anstrengung, aber die flasche ist offen, die volle flasche hastig auf den tisch stellen, nachschenken, das glas ist noch nicht leer, der wein schwappt über, an tischdecken denken müssen, endlich trinken, viel kühler als vorher, wieder ruhig werden, tief einatmen, die nacht bemerken, wohin ist der tag verschwunden, wohin ist der wein verschwunden, an das innere denken müssen, an nichts mehr denken wollen, die leere flasche zur seite schieben, die zweite ungeduldig trinken, störende klogänge einschieben müssen, sich lieber anbrunzen, an die nässe denken, doch aufs klo laufen, dann umso mehr trinken, hineinschütten schon, wie in diesem zustand die dritte flasche holen, den kopf nicht mehr halten können, wegtauchen, das glas nicht mehr sehen, die flasche nicht mehr sehen, nicht mehr rauchen, nur mehr trinken, sich anschütten, flecken auf der hose nicht bemerken, die nässe am körper nicht spüren, betrunken sein, endlich betrunken sein, nichts mehr denken, nicht einmal mehr ans weintrinken denken, schon gar nicht ans betrunkensein denken können, noch stieren auf die fast leere flasche, nicht mehr denken an die nächste, sich nur zurücklehnen, den kopf nach hinten beugen, sterne bemerken ganz weit oben, mit ihnen reden, unverständlich, nach vorne fallen, das glas umwerfen, den wein verschütten, nicht mehr nachschenken, nicht mehr ans nachschenken denken, die arme auf den tisch breiten und den kopf hineinlegen, die augen nicht gleich schließen, doch nichts mehr sehen, schon lange nichts mehr denken, irgendwann einschlafen, auf dem tisch der kopf, liegend, die flasche, stehend, nicht leer, das glas, liegend, nicht zerbrochen.

/ 2001

Zurck