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Âme soeur

Autoren: Marianne Jungmaier
Linz, 2010
Gattung: Prosa | Veröffentlichungstyp: Zeitschrift/Zeitung

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Âme sœur

Drei Joints für mich, drei für ihn. Für uns beide, für ihn und für mich, hat er heute Morgen langes, weißes Paper befüllt, gedreht und in eine schmale, metallene Dose gelegt.
Wir fahren in die Berge, haben gemeinsam frei. Ich bin frei vom Gemüse schneiden, Spätzle kochen, Sorbet abfüllen, aufkehren. Er vom „vas-y, vas-y, en vitesse“ sagen, Wachteln ausnehmen und Sauerkraut mit Würsten als „choucroute alsacienne“ auf Tellern anrichten.
Das Papier zwischen meinen Fingern duftet süßlich. Nebelfetzen hängen quer über die Straße, lose an die regennassen Tannen gebunden. Nur die nächsten fünfzig Meter sind zu sehen. Er beobachtet mich aus den Augenwinkeln.
„Was fällt dir auf, seit wir hier heroben sind?“ Holprig klingt sein Elsässisches Deutsch, die Sprache seiner Mutter. Zwischen uns ist es eine Geheimsprache. Niemand im Hotel kann ihn verstehen, die Kollegen wissen nicht, worüber wir sprechen. Manchmal verstehe ich ihn selbst nicht.
„J’ sais pas, ich weiß nicht“, sage ich.
Wir halten an einem steinernen Denkmal.
„Alle diese Bäume sind sechzig Jahre alt. Vor dem zweiten Weltkrieg war das hier ein gesunder Wald. Als der Krieg vorbei war, gab es nur noch Felsen und Erde. Dann haben sie diese Berge mit Tannen bepflanzt. Als Mahnmal.“
Ich schweige.
„Willst du aussteigen?“
„Nein, merci.“ Ich zünde den ersten Joint an. Nach drei Zügen reiche ich ihn über die Gangschaltung des kleinen Peugeot weiter. Der Rauch brennt die Lunge hinunter.
„Ah, très bien, mon petit soldat.“ Bernard lässt Rauchschwaden aus seinem Mund aufsteigen.
„Warum nennst du mich eigentlich kleiner Soldat?“
„Weil du so arbeitest... du bist... wie Soldaten eben sind.“
Seine Augen sind blau, das Weiß von roten Adern durchzogen. Das hatte ich erst bemerkt, als wir begannen, abends miteinander zu sitzen und zu rauchen. Am ersten Tag stellte ich mich vor, „bonjour, je suis la nouvelle stagiaire et je viens d’Autriche, hallo, bin die neue Praktikantin und komme aus Österreich.“ Sie standen alle in einer Reihe in der dunklen Küche und gaben mir die Hand. Das einzige, was ich damals an ihm bemerkte: Sein Grinsen, das sich unter seiner Nase zu verstecken schien, als er sich nach vorne beugte.

Wir überqueren einen Staudamm. Rechts und links fallen Betonwände steil nach unten, wo zwei dunkelblaue Kreise liegen. Den zweiten und dritten Joint rauchen wir dort auf einem Parkplatz, sitzen, hören Popmusik aus dem Radio. Die meiste Zeit halte ich die Konen, zwischen Daumen und Zeigefinger, vor der Brust. Wir fahren weiter. Nur zwei Fahrzeuge kommen uns entgegen. Der Regen lässt alles unscharf werden. Bernard muss langsam fahren, der Scheibenwischer jagt über das Glas. Wir können die Gesichter der Fahrenden erkennen.
„Dass du dich traust, beim Autofahren shit zu rauchen“, sage ich. „Das ist cool.“
Vor Aufregung klopft mein Herz an den Rippen.
Er sieht kurz zu mir herüber.
„Ich würde die Joints aber nicht so offen herzeigen.“ Er grinst.
Mir kommt vor, das Grinsen versteckt sich jetzt hinter dem Ohr. Der Augenblick dauert lange.
Ich lasse die Hand in den Schoß sinken. Hitze kriecht vom Hals die Wangen hinauf, ich schaue zum Fenster hinaus. Beim nächsten Fahrzeug halte ich die Luft an, versuche, mir das nicht anmerken zu lassen.
„Wann hast du deinen ersten Joint geraucht?“ frage ich.
„Mit siebzehn. Ich habe in einer, wie heißt das, man arbeitet mit... poisson... am Fischmarkt. Am Fischmarkt habe ich gearbeitet. Am Abend bin ich immer in eine Bar gegangen, die Kellnerin hat mich gemocht. Sie war älter als ich. Er lacht. Einmal hat sie mich mitgenommen auf den Friedhof, dort haben wir shit geraucht. Danach hat sie mich verführt, zwischen den Grabsteinen, im Gras.“
Mein Bild von ihm verrutscht. Was ist denn das eigentlich für ein Mensch. Das Schiefe versinkt im kalten Rauch, der das Innere des Peugeots ausfüllt.
„Aha.“
Er erzählt weiter, ich höre nur ein Rauschen in meinem Ohr und bemerke zugleich, dass es aufgehört hat, zu regnen. Vorne, an der Kuppe, kann ich schon blauen Himmel sehen. Wir werden gleich auf dem Hügel ankommen. Ich sehe zu ihm. Jetzt ist es wieder warm, das Bild.


Noch drei Nächte und drei Tage, bis ich zurück nach Österreich fahren werde.
Spät ist es, bald Mitternacht. Noch warte ich. Mein Zimmer liegt genau hinter dem Schriftzug ‚Hôtel du bois’. Wenn ich mich auf die Zehenspitzen stelle und mein Dachfenster öffne, kann ich durch das ‚o’ von ‚bois’ sein Haus sehen. Geht im Stiegenhaus Licht an, werde ich mir die Jacke überziehen, das Hotel über den Hinterausgang verlassen und ihn an der kleinen Brücke treffen. Zum zweiten Mal treffen wir uns diese Woche. Davor, es müssen genau sieben Tage sein, waren wir in den Bergen gewesen. Am Tag danach hatte ich im Bett bleiben müssen, in meiner Kammer auf dem Dachboden. Immer wieder hatte ich mein Gesicht unter den Wasserstrahl im Waschbecken gehalten. Mein Magen schien über mir zu schweben, der Kopf steckte in einem mit Watte ausgelegten Tunnel. Es war noch hell, da hatte ich mich samt Decke auf den sechs Quadratmeter Linoleumboden gelegt, um zu schlafen. Regen trommelte gleichmäßig auf das Dachfenster, ich öffnete es einen Spalt und spürte die kühlen Tropfen auf meinen heißen Wangen. Auch Bernard war zuhause geblieben, er hatte gesagt, er habe sich einen Virus eingefangen.


Es raschelt, ich drehe mich um, er trägt seine dunkle, kurze Jacke. Erst jetzt bemerke ich, diese Jacken mit dem Karomuster an der Innenseite tragen in Österreich Neonazis.
Das Bild soll nicht wieder verrutschen, nicht drei Tage vor unserem Abschied.
„Salut“, sage ich leise und hoffe, er sieht mein Lächeln.
Der Weg in den Wald hinauf ist gewunden, langsam gehen wir, schweigen. Zu hören ist nur unser Atem, das Keuchen, das Rascheln der Hosen. Mondlos die Nacht. In der zweiten Kurve verlassen wir den betonierten Weg. Bernard geht vor. Die Schritte werden leiser, als sie, anstatt auf Beton, auf weiche Erde treffen.
„Wohin gehen wir?“, frage ich ihn.
„Hast du Angst?“ Er dreht sich nicht um. Ich glaube, er macht sich lustig über mich.
„Nein, ich würde es nur gerne wissen“, sage ich, verlangsame meinen Schritt.
Er bleibt stehen. „Siehst du die Bank?“
Erleichtert atme ich aus. Wir setzen uns auf die Holzbank, schauen über den Ort. Nur noch wenige Lichter sind an, am hellsten leuchten die Neonröhren des cinéma.
Ich suche im Himmel nach Sternbildern.
„Kennst du den Großen Wagen?“, frage ich.
„Was ist das?“
„Es hat vier Punkte, wie ein Viereck sieht es aus und ...“
„Natürlich. Es heißt le grand ours. Der große Bär.“
„Schön“, sage ich. „Bernard und der Bär.“
Plötzlich atmet er scharf ein. „Anne hat mir heute gesagt, es ist ihr nicht recht, wenn wir alleine spazieren gehen.“ Er spricht schnell, auf Französisch. „Aber wir können gerne zu dritt spazieren gehen.“
Ich hatte darauf gewartet. Mein Herz klopft, die Bäume hinter uns flüstern und knarren. „Es ist doch egal“, denke ich, „in drei Tagen bin ich fort.“
„Bist du jetzt traurig?“, fragt er.
„Aber nein, ich kann das schon verstehen, dass sie sich Sorgen macht“, sage ich.
Vielleicht war sie ihr zuviel geworden, die Zeit, die wir miteinander verbrachten. Vielleicht hatte er ihr auch von dem ersten Treffen diese Woche erzählt. Dass er mir das Oberteil auszog in ihrer Küche, nach einer Flasche Rotwein und Gras. Dass er meinen BH öffnete in ihrer Küche und ich halbnackt dort im Kerzenlicht saß.
Mir fällt ein: Schon morgen werde ich im Haus meiner Eltern schlafen, die nichts von Bernard und Anne wissen und niemand wird nach diesem oder anderen Abenden fragen.
Der Kreisel in meinem Inneren beruhigt sich.

Wir sind still, sehen in die Sterne. Orange glimmt ein Punkt neben mir auf.
„Weißt du, ich habe schon am ersten Tag gewusst, eine wie du kann mir gefährlich werden“, sagt er.
Ich schweige, überrascht. Im Wald hinter uns knackt es, als würde ein großes Tier durchstreifen.
Plötzlich muss ich lachen. „Wieso denn gefährlich? ... Weißt du, was viel eher? Ich glaube, wir sind... was heißt denn... Seelenverwandte?“
Er gibt mir den Joint weiter. „Âme sœur.“
„Schwesternseele, das gefällt mir“, sage ich, blase Rauch aus, „ich glaube, das sind wir. Nichts Gefährliches.“
Erleichterung breitet sich in mir aus.

„Schreibst du mir, wenn du zuhause angekommen bist?“, fragt er leise.
Orange glimmt es vor mir auf. „Gerne.“
Wir rauchen fertig, ich höre den Bäumen und dem Wind zu.

Monsieur Sautier, der patron, lädt Koffer, Reisetasche und Rucksack in den Kastenwagen. Sie haben sich an der Hintertür versammelt, „salut, Catherine, à plus“, rufen sie, „bis später.“ Bernard hebt die Hand. Der Wagen setzt sich in Bewegung. Erleichtert schließe ich die Augen, auf der Fahrt sehe ich mir die Weinreben an, die sich geradlinig die Hügel hinab winden, beinahe bis an die Stadtgrenze von Colmar.


« C’est affreusement vide depuis ton départ », steht in seinem Brief. « Es ist erschreckend leer, seit du fort bist.“ Zittrig ist seine Schrift, klein und rund die Buchstaben, mit blauem Kugelschreiber ausgeführt.
In manchen Sätzen finde ich Rechtschreibfehler, ärgere mich darüber. Als dürfte er, nur weil es seine Muttersprache ist, keine Fehler machen.
In seinem Brief schreibt er, ich sei ein besonderer Mensch, er würde mich vermissen. Mein Herz klopft in meinen Schläfen, in meinem Hals, Stunden nach dem Lesen.

Eine Seite hat er vollgeschrieben, die zweite endet nach drei Sätzen.

/ 2010

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Die Rampe 4/10
Hefte für Literatur


Verlag: Rudolf Trauner Verlag, Linz, 2010
Gattung: anderes | Veröffentlichungstyp: Zeitschrift/Zeitung

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