Der Absatz des Monats...

...  soll als Leseanregung dienen. Wir stellen Ihnen hier Werke von AutorInnen mit Oberösterreichbezug vor.

Unser Absatz des Monats April ist ein Auszug aus einem unveröffentlichten Prosatext der Autorin Ida Leibetseder, deren Profil im LiteraturNetz OÖ kürzlich neu angelegt wurde.

Wir wünschen eine anregende Lektüre!

 

Alles anders

Japsend, Luft holend, fahre ich auf und stoße mir den Kopf an. Wie eine Schnecke ziehe ich mich, von dieser Berührung überwältigt, zusammen. Es ist dunkel, düster, die Luft riecht nach Zerstörung. Ich kann nichts sehen. Von irgendwo, irgendwo ganz weit weg, höre ich ein Gemurmel, ein Gebrause. Wo bin ich?

Ich hocke zusammengekauert da. Panik klettert mit ausgefahrenen Krallen an meinen Rippen hoch, bis sie mir langsam aber sicher die Kehle zuschnürt. Hektisch versuche ich zu schlucken, um den Kloß in meiner Kehle hinunterzuwürgen. Ich beginne zu husten, beinahe hysterisch. Mir entfährt ein Schluchzen.

Beruhigend streiche ich mir über den Körper, rubble meine eingeschlafenen Arme warm, als ich die dicke Staubschicht bemerke, die meinen ganzen Körper wie ein sanfter, grauer Mantel einhüllt. Langsam taste ich rund um mich. Ich befühle Ecken und Kanten, kalte Steine und Holz. Ich fahre über den Boden, es klirrt. Ich höre mein Herz, wie es alleine durch diese beängstigende Dunkelheit schlägt, wie ein jagendes Pferd. Einsame Stille.

 

Nichts macht in meinem Kopf mehr Sinn. Wer bin ich? Wie komme ich hier her? Gähnende Leere füllt den Bereich meines Gehirns, der einst so voller Erinnerungen steckte.

Erneut versuche ich ganz vorsichtig und langsam über den Boden zu gleiten. Da ertaste ich, das kleine, klirrende Ding. Es ist so dunkel, dass ich nicht mal die eigene Hand vor den Augen sehe und doch halte ich mir den Gegenstand ganz nah ans Gesicht. Ganz fein, ein Hauch, von all dem Geruch nach kaltem Stein und Staub und Dreck verdrängt, Schokolade, oder doch eher Kakao?

Meine Finger gleiten an der kalten, glatten Fläche entlang, ich erfühle einen Henkel, ovale Rundungen. Eine Tasse. Absurd wie sehr man sich über dieses kleine bisschen Normalität freuen kann, wenn alles andere so plötzlich fremd ist.

Mit der wachsenden Energie, die nun Schritt für Schritt, ganz langsam meinen Körper wieder erobert, kommt auch ein stechender Schmerz. Er treibt mir mit einem Mal die Tränen in die Augen und lässt nicht locker. Benommen taste ich mich zu meinem Fuß und spüre, anstelle meiner Zehen, nur einen Brocken Beton.

Ich seufze. Werfe meinen Kopf in den Nacken. Meine Zähne klappern, ich würge und fluche hilflos in das Schwarz. Mit meinen Händen stemme ich mich gegen den Stein. Es brennt, höllisch. Lass es aufhören! Ich zittere, meine Hände werden schweißnass. Noch einmal versuche ich den Brocken von meinen Füßen wegzustoßen, er rattert am Boden dahin und über mir geben Balken etwas nach, Staub rieselt, wie Schnee im Winter, auf mich herab. Wieder huste ich. Meine Lunge keucht. Gott sei dank kann ich meine Zehen nicht sehen. Der Schmerz lässt mich beinahe ersticken. Ich taste nach der Tasse, meinem kleinen bisschen Hoffnung und presse sie an mich. Schluchze in sie hinein, während ich den Kakaogeruch gierig einsauge. Was mach ich nur, was mach ich nur.

Plötzlich höre ich wieder dieses Gebrause, anschwellende Stimmen. Irgendwo weit über mir. Ich blicke auf und erkenne einen kleinen Lichtstrahl, der durch meterhohen, übereinanderliegenden Schrott vor mir auf den Boden fällt. Die dicke Staubschicht glitzert, ich streiche sie zur Seite. Roter Fliesenboden. Dieses Bild kommt mir bekannt vor, doch noch bevor ich mir meinen ohnehin leeren Kopf zerbrechen kann, höre ich plötzlich Menschen rufen. Hunderte. Sie schreien tausende Namen, steigen genau auf den kleinen Spalt, von dem aus mein kleines Licht zu mir hinunter fällt. Ich drücke mir die kalte Tasse an die erhitzte Stirn.

„Ist hier irgendjemand. Hallo? Ist hier irgendjemand noch am Leben?“, ruft einer.

Zum ersten Mal wird mir bewusst, dass ich Hilfe benötige. Zum ersten Mal seit ich hier unten sitze, wird mir bewusst, dass ich hier raus muss, und dafür etwas tun muss.

Ich will schreien, doch aus meinem vertrockneten Mund kommen nur kehlige Laute. Wieder höre ich die panischen Stimmen draußen kreischen. Ich bekomme Angst, sie könnten weggehen und recke mich soweit ich kann dem Licht entgegen. Doch meine Stimme ist wie ein sanfter Windhauch und vergeht noch ehe sie aus all dem Gerümpel herauskommt. Ich spüre die Tasse in meinen Händen.

Mein einziger Anhaltspunkt, meine einzige Rettung, die einzige Chance. Ich warte ab, bis ich sichergehen kann, dass irgendjemand genau über meinem Lichtspalt steht und knalle, mit aller Kraft die in meinen müden Knochen noch haust, die Tasse auf den roten Fliesenboden. Es scheppert, dass mir die Ohren, nach so langer Zeit von Ruhe, beinahe aus dem Kopf springen. Doch es hat geholfen. Über mir werden es plötzlich immer mehr Schritte. Alle laufen aufgeregt auf einen Haufen. Ich höre das Knacksen der Balken, mit jedem Schritt rieselt Staub auf mich herab. Alles rund um meinen kleinen Freiraum vibriert.

„Räumt die Ziegeln weg, wir müssen da runter,“ schreit irgendjemand oben. Und ich sitze hier unten und gaffe hinauf zu dem kleinen Lichtspalt, die Scherben meiner Tasse in den Händen haltend.

Immer mehr rumort es, immer größer wird das Loch durch welches ich die Sonne erblicke. Ich sehe Hände, die ganze Brocken wegschaffen, sehe Gesichter die zu mir hinunter spähen und mich in meinem kleinen, dunklen Raum doch noch nicht erblicken können. Immer tiefer wühlen diese Hände, immer näher kommen sie und ich fühle mich wie ein Schatz, der ausgegraben wird. Mein Körper vibriert meine Stimme zittert. Immer wieder versuche ich „Ich bin hier“ zu flüstern, immer lauter werde ich bei jedem Versuch.

Das starke Sonnenlicht blendet mich, es brennt mir in den Augen und kurz überlege ich, ob das nicht der Tod ist, wenn ich mich nun diesem Licht entgegenstrecke. Aber dann werde ich von zwei starken Händen gepackt und in die Freiheit gezogen und plötzlich ist mein ganzes Gesicht Tränen überströmt und meine Lunge saugt gierig die frische Luft ein. Mir scheint, als würden sich hunderte Menschen um mich scharen und ein paar legen mir ihre dicken Jacken um die Schulter. Blinzelnd versuche ich meine Augen zu öffnen. Irgendjemand setzt mich dann ein Stück abseits ab. Es ist ein Mann und als sich meine Augen wieder an das Sonnenlicht gewöhnt hatten, sah ich nur Angst und Kummer und Schrecken in seinen. „Pass auf dich auf, ich komm bald wieder, bitte bleib sitzen, es ist alles gut, es wird alles gut sein.“ Es ist so bitter an seinem Blick zu erkennen, dass er lügt, dass gar nichts gut ist, und es auch nie wieder gut werden würde. Da lege ich die Jacken ab, die mir umgehängt worden waren und rapple mich auf. Ich blicke über tausende Tonnen Schutt, tausende Tonnen Asche. Ein Geröllfeld aus Dachziegeln, Holzbalken und Betonklötzen, Schrott. Es riecht nach Tod, es riecht nach Verderben. Müder, fahler Rauch hängt zwischen ein paar Säulen die alle paar Meter verloren aus dem Boden ragen. Über die Mondlandschaft stolpern gestresste Menschen, wie Ameisen, graben im Müll herum, suchen. Ich sehe ihnen in die Augen und blicke der puren Angst entgegen. Hunderte Fragen werfen ihre Blicke in den Raum, auf die niemand eine Antwort weiß. Manche sitzen auf Trümmern, starren mit blassem Gesicht ins Leere. Ihre Augen hängen irgendwo zwischen der Unendlichkeit des Himmels und der Sterne, stille Bitten, lautlose Schreie. Was ist die Welt, auf was blicke ich da hinab.

Auf Terror, auf Zerstörung, auf Krieg. Jetzt ist er da, war er schon immer, nur glaubten wir, wir wären sicher. Sicher in unserem eigenen kleinen Wunderland, wo die Sonne heller strahlt und die Luft frischer ist. Krieg ist immer so weit weg.

Doch was wenn nicht? Was ist, wenn wir einfach immer die Augen verschließen, wenn etwas unverkennbar vor uns steht. Was, wenn wir immer fester zudrücken, sobald wir merken, dass es uns betrifft. Wie Igel, die sich in die Ecke stellen und glauben niemand sieht sie, weil sie niemanden sehen. Immer mit der Hoffnung, wenn wir unsere Augen wieder öffnen ist es vorüber. Und plötzlich ist es nicht mehr so. Plötzlich stehen wir hier, zerbombt von einer Gefahr, die doch so weit weg ist, immer so weit weg war. Und dann kommt der Moment, in dem wir merken, wir sind kein Stück besser. Es kommt der Moment, in dem wir uns schämen, weil wir uns plötzlich erinnern, wovor wir die Augen verschlossen haben, so viele Jahre lang. Wir sind nicht die ersten und wir werden auch niemals die letzten sein, denen das passiert. Der Nachbar, der seine Frau und die vier Kinder verloren hat, die Mutter, die ihr totes Neugeborenes wimmernd im Arm hält, Ein kleiner Bub, für immer alleine. Bilder die sich hunderte Male wiederholen, Bilder die sich durch die Geschichte vom Krieg ziehen. Eine Geschichte die so früh begonnen hat und noch immer hat es die Menschheit nicht geschafft sie zu Ende zu schreiben. Weil wir uns nicht merken wollen, dass wir eine Einheit bilden sollten. Weil wir noch immer nicht damit umgehen können, wenn einer von uns mehr hat. Weil wir uns selbst als zu wichtig erachten, als dass wir für die Zukunft leben könnten. Weil noch immer Ideale herrschen, die schlicht und ergreifend nicht jeder einhalten kann. Weil wir noch immer an dem Glauben fest halten, dass es nur Schwarz und Weiß gibt. Weil wir nicht verstehen wollen, dass wir alle gleich sind und wir uns dennoch voneinander unterscheiden dürfen.

Wieder blicke ich über das Trümmerfeld und als ich zwischen all dem Schutt eine Türe erkenne, unsere Haustür erkenne, weiß ich plötzlich alles.

Mein zu Hause, mit einem Mal, wie weggefegt. Mit einem Mal alle Momente geschehen, all die Zeiten vorüber. Mit einem Mal ein tiefer Schnitt in meinem Leben, mit einem Mal meine ganze Vergangenheit zu Staub zerfallen. Mit einem Mal.

Ich kann es einfach nicht begreifen, was es ist in uns Menschen, was unsere Chance zu leben so derartig einschränken will. Instinkt, Dummheit, der Teufel, nenn es wie du willst.

Man kann nichts tun, als zu warten, zu warten bis diese Flut abebbt und sich selbst zu vergewissern, dass man nicht auf Seiten dieses Grauens steht. Deine Ablehnung wird nur ein einzelner Tropfen in einem brausenden Ozean sein, aber wie Adam Ewing in Cloud Atlas sagt: „ Was ist schon ein Ozean, wenn nicht eine Vielzahl von Tropfen.“


© Ida Leibetseder: Auszug aus einem unveröffentlichten Prosatext.