Der Absatz des Monats...

...  soll als Leseanregung dienen. Wir stellen Ihnen hier Werke von AutorInnen mit Oberösterreichbezug vor.

Unser Absatz des Monats August ist ein Auszug aus dem 2017 im Verlag Müry Salzmann veröffentlichten Prosaband Der Große Gstieß oder Warum man zwangsläufig vom Weg abkommt, wenn man Gutes tun will des Autors Felix Wallner.

Wir wünschen eine anregende Lektüre!

 

 

Birkenstock sei ganz begeistert gewesen, sagt Puppi, dass er Wilhelm Tell einen Gefallen tun konnte, indem er mich ein bisschen verhörte und ihm damit genug Zeit verschaffte, in die Polizeistation nachzukommen. Wilhelm Tell sei nämlich so etwas wie der Tarock-Guru des Dr. Birkenstock, so Puppi. Tarockspielen lerne man nicht aus Büchern, das werde einem beigebracht. Und der, der einem das Tarockspielen beibringe, sagt Puppi, der sei dann ein Leben lang der Guru. Seinen Tarocklehrer könne man nicht mehr abschütteln, da sei das Über-Ich ein Lercherlschas dagegen.

Sie habe das selbst beobachtet, sagt Puppi. Hünen mit Punkerhaarschnitt und Tätowierungen am ganzen Körper, denen man in der Nacht höchstens mit einer Pumpgun im Anschlag begegnen möchte, habe sie erlebt, die dann beim Tarockspielen Mühe gehabt hätten, die Tränen zurückzuhalten, wenn ihnen der Guru beim ersten Ausspielen einen strafenden Blick entgegen geschleudert habe.

Das liege daran, sagt Puppi, dass das Tarockspiel etwas Zwiespältiges an sich habe. Tarock gebärde sich so, als hätte es etwas zu tun mit Logik und Strategie, also letztlich mit dem Verstand. In Wirklichkeit könne beim Tarockspiel genau so wenig vom Verstand die Rede sein wie bei jedem anderen Kartenspiel.

Tarock bestehe auch nur aus einer Sequenz von Zufälligkeiten, die, weil mehr Karten im Spiel seien, halt etwas länger andauere als beim Bauernschnapsen. Das sei aber auch schon alles, sagt Puppi. Umso erstaunlicher, was aus dem Tarockspiel gemacht würde. Sein Wesen bestehe darin, in einen völlig zufälligen Ablauf Bedeutung hinein zu interpretieren. Und das, sagt Puppi, erinnere sie ziemlich genau an das wirkliche Leben.

Ich nicke, weil ich weiß, dass sie Recht hat.

Die hohe Kunst des Tarockspielens, sagt Puppi, liege nicht in der Entscheidung, welche Karte ausgespielt werde. Sie liege vielmehr darin, im Nachhinein das eigene Spielverhalten zu erklären. Damit, sagt Puppi, entstehe ein Pyramidenspiel der Argumente. Und letztlich zähle das, was der Guru sagt. Das erkläre die geradezu unheimliche Macht, die dieser durch das Tarockspiel erlange.

Die Gefolgschaft des Guru sei zu allem fähig, behauptet Puppi. Sie tue alles, um nicht in Ungnade zu fallen. Werde man vom Tarockguru verstoßen, bevor es gelungen ist, eine eigene Gefolgschaft heranzuziehen, sei man verloren, sozusagen vogelfrei.

Nicht nur das Tarockspiel werde dann zur Qual, sagt Puppi. Nein, ein in Ungnade gefallener, von seinem Guru verstoßener Tarockspieler gehe auch im Zivilleben fortan durch die Hölle. Ein verstoßener Tarockspieler verliere nämlich alles, sogar sein Selbst. Das wiederum erkläre sich daraus, sagt Puppi, dass einen das Tarockspiel in einer viel radikaleren Form in Frage stellen könne, als es selbst die Theologie vermöge. Tarock erzeuge das vielleicht ursprünglichste Gefühl der Unvollkommenheit. Es bedeute, darüber sei sich jeder Spieler im Klaren, die Bereitschaft zur völligen Preisgabe.

Jeder Tarockierer, sei er noch so erfahren und konzentriert bei der Sache, müsse ständig damit rechnen, dass sich, geleitet vom jeweiligen Guru der Runde, die Deutungen des Spielverhaltens plötzlich und völlig überraschend gegen ihn richteten. So gesehen gehe ein Tarockierer bei jedem Spiel an die Grenze seiner Existenz.

Für sie, sagt Puppi, sei es eigentlich erstaunlich, dass es bei Tarockspielern nicht zu mehr Selbstmorden komme. Wirklich untersucht, räumt sie ein, habe das wohl bisher niemand, weil man dem Tarockspiel in der offiziellen Selbstmordforschung viel zu wenig Bedeutung beimesse.

Wie der Mensch, wispert Puppi so leise, dass ich mich beim Zuhören extrem anstrengen muss, überhaupt dazu neige, Bedeutungen zu unterschätzen. Der Mensch von heute, sagt Puppi, verfüge zwar über Navigationsgeräte und Orientierungs-Apps, könne aber nicht mehr sehen, dass es rund um uns nur so von Zeichen wimmle.  

Puppi wendet sich wieder von mir ab und beginnt ihre Kochutensilien zu verstauen.

Es ist seltsam mit den Zeichen, wende ich mich an Puppis Rücken. Mir hat Gott heute aufgetragen, Gutes zu tun, und ich habe es versucht. Was ist das Ergebnis? Drei Frauen sind wegen mir gestorben, und eine vierte habe ich beim Sex enttäuscht.


© Felix Wallner: Der Große Gstieß oder Warum man zwangsläufig vom Weg abkommt, wenn man Gutes tun will. Salzburg, Wien: Müry Salzmann, 2017.