Der Absatz des Monats...

...  soll als Leseanregung dienen. Wir stellen Ihnen hier Werke von AutorInnen mit Oberösterreichbezug vor.

Unser Absatz des Monats Oktober ist ein Auszug aus dem 2017 im Verlag Otto Müller veröffentlichten Prosaband Autolyse Wien. Erzählungen vom Ende der Autors Karin Peschka.

Wir wünschen eine anregende Lektüre!
 

 

DORA

Wien? Verborgen unter Schnee. Weit sah Dora, sie stand auf der obersten Plattform des alten Flakturms. Er war gebaut worden, um Katastrophen zu überstehen und hatte genau das auch getan. Im Inneren aber alles zerbrochen, die Einrichtung filigran und kaum für die Ewigkeit geeignet. Aquarien und Terrarien aufgesprungen, die Tiere in den Scherben verendet oder aus dem Gebäude gekrochen. Stahlbeton. Reptilien und Insekten, die das Unglück, das Ende jeder Fütterung und Pflege, die den äußerst trockenen Sommer und den sehr stürmischen Herbst überstanden hatten: Dora hielt sie für schlafend. Stellte sich Schlangen vor, versteckt in Mauerspalten, Kröten in Winterstarre tief im gefrorenen Schlamm, Spinnen eingewoben. Und alles unter dieser dicken Decke aus weichem Schnee.
   Hier oben. Vier Tage hatte es heftig geschneit, zumindest Wasser war somit kein Problem. Schnee schmelzen. Doras größter Schatz: ein Kanonenofen, gefunden und zum Turm geschleppt wenige Wochen, nachdem die Stadt verloren gegangen war. Damals, in der beginnenden Sommerhitze, die Ameise im Vergleich zur sorglosen Grille. Eine Fabel Äsops bin ich, hatte Dora gedacht, ein lebendiges Fabelwesen, aber es gibt niemanden mehr, dem ich zu erzählen wäre. Dem ich etwas sein könnte.
   Am Anfang der neuen Zeit waren noch vereinzelt Menschen aus den Trümmern gekrochen und geflohen wie die Tiere aus dem Flakturm, dem Wasserturm, dem Haus des Meeres. Dessen gläserner Anbau war abgestürzt, eine große Wunde im Gebäude. Dora hatte die Türen zu diesem Bereich verbarrikadiert, sie hielt den Haupteingang streng verschlossen, keiner sollte sich an die Nutzbarkeit des Turmes erinnern.
   Hier oben. In der Stille der Nacht. In der Stille des Schneetages, in der Stille der stillgelegten Stadt. Gedämpft, eine weiße Wüste, man müsste die Spuren sehen und man sah sie. Dora, ausgebildete Zoologin mit guten Augen, unterschied: Spuren von Vögeln, derer gab es viele. Spuren von kleineren Tieren, die zu leicht waren, um einzusinken. Mäuse und Marder, wahrscheinlich Ratten. Tiefer die Fährten von Füchsen, Hunden und Katzen. Dora hob den Blick, hob die Hand über die Augen, um die Reflexion zu mindern, dort, weit hinter der Donau, oder, auf der anderen Seite, wo der Wienerwald in die Vororte griff, dort würde sie die Pfade finden können, die das Rotwild zieht, Richtung Lainz sicherlich jene der Schwarzwild-Rotten. Einen Frischling fangen und braten, dachte Dora, aber, der Weg zu weit und ihre Spur zu verräterisch.
   Allein der Gedanke an andere Menschen. Sie duckte sich. Wie lange war sie aufrecht gestanden? Ein schwarzer Strich im Weiß, eine Bewegung, sie, die Beobachtende, ausgespäht von Fremden? Zu warten hatte sie, nur in der Dämmerung kam sie sonst herauf, um zu sehen, was sich in der Falle verfangen hatte. Manchmal waren es Tauben. Die sie aß oder in einem Verschlag züchtete, wobei die Zucht nicht ihr Spezialgebiet gewesen war. Zudem musste sie das Futter rationieren, es gab noch etwas Holz, das sie verbrennen konnte, und auch das nur in der Nacht. Aus Sicherheitsgründen. Denn da waren die anderen, Dora hatte sie gesehen, vereinzelt, sehr selten, der Mensch als aussterbende, herumirrende Spezies. Manche hatten gerufen, verzweifelt oder auf diese monotone Art der fast Verstummten. Ab und zu ein Schrei. Ab und zu ein Name. Zwei oder drei Mal hatte jemand an der Tür gerüttelt. Dahinter Dora, mit einer Schaufel bewaffnet. Die Tür hatte gehalten, die Schritte entfernten sich wieder.
   Leise fiel Schnee. In dicken Flocken, ganz ruhig. Immer dichter fiel er. Dora, hinter einem Mauersims kauernd, legte den Kopf in den Nacken, streckte die Zunge heraus, schloss die Augen. Dachte: Eine Zeitlang wird’s noch gehen.


© Karin Peschka: Autolyse Wien. Erzählungen vom Ende. Salzburg: Otto Müller, 2017, S. 68-70.