Der Absatz des Monats...

...  soll als Leseanregung dienen. Wir stellen Ihnen hier Werke von AutorInnen mit Oberösterreichbezug vor.

Unser Absatz des Monats März ist ein Auszug aus der unveröffentlichten Erzählung "Sommerfischen" des Autors Heinrich Ernst Maderthaner, dessen Profil im LiteraturNetz OÖ kürzlich aktualisiert wurde.

Wir wünschen eine anregende Lektüre!

 

Sommerfischen


„Auf, auf ihr Hasen, hört ihr nicht den Jäger blasen“, trompetete fröhlich die liebe Mutter und er musste sich die Decke über die Ohren ziehen, den Kopf hineinbohren in den Kopfpolster, aber das nützte gar nichts.
Denn sie riss die verglaste Balkontür mit viel Schwung auf, den linken und den rechten Flügel gleichzeitig und ließ  die morgenkalte Luft hereinströmen und all das Licht.
Er hasste sie. Die Seeluft kitzelte ihn in der Nase.
„Ist es nicht herrlich hier, Willi!?“, sagte sie, während sie über den See schaute. Direkt unterhalb des Hotels mündete der Bach in den See und dort stand auch schon ein Fischer.
Wo sich das Wasser von Bach und See vermischt ist es am besten zum Fischen, denn in diesem Bereich mischen sich auch die Fische aus dem Bach und aus dem See.
„Heute kannst du mit Papa fischen gehen, du fauler Willi!“ rief sie in das Zimmer hinein. Der faule Willi ließ nur ein Stöhnen hören. Sie wertete das als Zustimmung und sagte:
„Da wird sich Papa freuen!“
Willi stöhnte noch mal und dachte, so stelle ich mir die idealen Ferien vor, sagte aber nichts. Zuerst würde er jedenfalls einmal ordentlich frühstücken.

Der Frühstücksraum schien ganz ok zu sein. Jedenfalls war Platz genug an den Tischen. Das spielte aber sowieso keine Rolle, weil auf jedem Tisch ein Karton stand, auf dem die Zimmernummer angeschrieben war. In diesem Frühstücksraum sollte Ordnung herrschen.
Am Buffet herrschte das pralle Leben. Bald würde es von der Horde verwüstet sein, aber jetzt war noch alles da. Soviel, dass der coole Willi beeindruckt war. Besonders von den Spiegeleiern und dem knusprigen Frühstücksspeck. Aber er begann zunächst einmal mit einem Müsli, wie gewohnt, nur mit Yoghurt, Naturyoghurt, wie im Prospekt gestanden war, statt mit Milch. Aber dann! Dann kam der knusprige Speck mit Spiegelei. Dann kam ein gar nicht kleiner Teller mit verschiedenen Schinkensorten und ein Glas Orangensaft, Naturorangensaft. Und dann als bescheidenes Intermezzo eine Kaisersemmel, natürlich knusprig, mit Butter und Biohonig. Und dann holte sich Willi, bereits bestens gelaunt, noch etwas wirklich Süßes, um die Sache abzurunden: diesen laut Prospektbeschreibung unwiderstehlichen Marmorgugelhupf.
Der Kaffee wurde am Tisch serviert. In einer schweren Silberkanne, wie es sich gehört, wie Willi fand. Seit nunmehr einem ganzen Jahr trank er Kaffee zum Frühstück. Er fragte sich, ob das eine Gewohnheit für das ganze Leben werden würde, während er der Servierdame hinterher blickte. Ihre Körperwärme hatte er an seinem Oberarm gespürt, als sie ihm beim Einschenken von der Seite, wie es sich gehört, ganz nahe gekommen war. Angenommen, Willi hielte Rückschau in seinem Leben, wobei ihm nichts ferner liegt, so wäre klar, dass sein Interesse am weiblichen Geschlecht mit dem täglichen Kaffeegenuss entstanden ist. Da muss er sich gleich noch eine Portion gebratenen Speck mit Ei besorgen. Frühstücksspeck mit Kaffee ist richtig geil. Ein Kopfschütteln seiner Mutter- was ist bloß in den Jungen gefahren ?-, begleitet ihn zum Buffet. Das kümmert ihn nicht, genauso wenig wie der Blick des Herrn Papa, denn er muss selbst schauen. Etwas Blitzendes, Weißes erfasst sein Seitenblick. Etwas Goldschimmerndes. Wie ist es möglich, dass Willi in dieser Zehntelsekunde, nur aus dem Augenwinkel, mehr sehen kann, als mit vollem Blick?
Zum Beispiel die unangestrengte Lässigkeit, mit der ihm das alles geboten wird: ein Lächeln, perlenweiß,  eine reizende Ohrmuschel, hinter der sich eine Locke ringelt. Und sie trägt bauchnabelfrei. Und außerdem, jetzt von hinten betrachtet, schon mit mehr als einem Seitenblick wahrgenommen: die Linie, welche im Nacken anmutig nach innen, am Rücken heraus, wieder nach innen und dann unvermutet in eine dreidimensionale Kurve führt, die von der endlosen Parallele eines atemberaubenden Beinepaars getragen wird.
Willi weiß auch nicht mehr genau, wie er an den Tisch zurückgekehrt ist. Auch Stunden später, als er alles Gesehene genau und wiederholt analysiert hat, bleibt da eine Wahrnehmungslücke. Soviel war aber sicher, dass er sämtliches wohlgefälliges Interesse an der wabbeligen Masse da auf seinem Teller verloren hatte. Stattdessen beobachtete er das Mädchen, das sich in einiger Entfernung an einem der Tische niedergelassen hatte. Blickkontakte wären immerhin möglich gewesen, aber zuerst musste das reizende Geschöpf frühstücken. Und sie machte es ordentlich. Sie aß mit solchem Appetit, dass Willi ebenfalls wieder zur Gabel griff und ihren Bewegungen - sie hatte knusprigen Frühstücksspeck mit Spiegelei vor sich - folgte: in vollkommener Synchronisation tunkte er den Speck so in die cremig-gelbe Masse, wie sie und verharrte kurz mit dem Bissen auf der Gabel vor seinem Mund, bevor er ihn öffnete, wie sie ihn öffnete, ihren Erdbeermund. Genau in diesem magischen Moment trafen sich ihre Blicke zum ersten Mal.
Soweit war Willi alles klar geworden in seiner nachträglichen Analyse.
Und dann lächelte sie!


© Heinrich Ernst Maderthaner: Auszug aus der unveröffentlichten Erzählung „Sommerfischen“ aus einem in Vorbereitung befindlichen Erzählband mit dem Arbeitstitel „Rechtsgeschichten“.