Der Absatz des Monats...

...  soll als Leseanregung dienen. Wir stellen Ihnen hier Werke von AutorInnen mit Oberösterreichbezug vor.

Unser Absatz des Monats April ist der Beginn des neuen Romans der Autorin Corinna Antelmann.

Wir wünschen eine anregende Lektüre!
 

Drei Tage drei Nächte

 

Das Volk, das in Finsternis saß,

hat ein großes Licht gesehen; und denen,

die saßen am Ort und im Schatten des Todes,

ist ein Licht aufgegangen.

(Mt 4,16)

 

I. Freitag

Eine Frau wacht auf und schaut aus dem Fenster, denke ich und denke außerdem: Diese Frau bin ich. Zeit, meinem Schädel-Gefängnis zu entkommen. Zu lange schon lebe ich hinter diesen beiden Guck-Löchern, in denen die Augäpfel kleben, um ihren minimalen Bruchteil an Welt zu erschauen. Alle leben wir in unseren Köpfen, stecken darin fest und versuchen nur selten, aus diesem beengten Nest heraus mehr als die zerhackstückten Ausschnitte zu erhaschen, die sich um den Kopf scharen, immer nur um den Kopf herum. Ein kurzes Blinzeln, ansonsten hübsch geborgen zwischen den Schädelknochen. Dort mag es zwar unbequem sein, aber sicher, und die anderen sind immer die anderen und bleiben die anderen.

Auf dem Weg von meinem Büro, oder wie ich es bei mir nenne: meinem Schreibatelier, zu meiner Mittagspause sehe ich meinen Liebhaber vor der Auslage des Buchladens am Hauptplatz stehen und ich stelle mich neben ihn, mit einer heute leicht angeknickten, heiteren Gelassenheit, die ich mühsam zu aktivieren suche. Kaum hat er wahrgenommen, dass ich es bin, die sich zu ihm gesellt, gesteht er unvermittelt, dass er sich verliebt habe, was mich allerdings nur mäßig aus dem Gleichgewicht bringt, weil er sich in Zeiten, in denen er nicht mehr weiß, wie er sein Leben gestalten soll, stets eine Liebe im Außen sucht, diesen Mechanismus kenne ich bereits, zumindest aus Erzählungen, seinen Erzählungen, und zu guter Letzt habe ich diesen Mechanismus ja am eigenen Leib erfahren, auch wenn ich gehofft haben sollte, kein Mechanismus zu sein, sondern seine wahre >.< Liebe; ins Schleudern gerate ich, als er nun hinzufügt, er habe sich in eine Siebzehnjährige verliebt. Seine Beichte schockiert mich, und da der Schock sich ihm offenbar ohne Worte vermittelt, wird er traurig, denn er hatte nur ehrlich sein wollen und sagt das jetzt auch: Dass er gedacht habe, wir könnten befreundet sein und einander alles sagen, was wir fühlten, außerdem trage sie aufreizende Shorts, da dürfe sich niemand, auch ich nicht, wundern, dass er das als Aufforderung verstehe, und außerdem werde die Liebe zu der Siebzehnjährigen ohnehin platonisch bleiben, aber selbst wenn: kein Grund zur Panik. Dass ich mich nicht wundern dürfe, könne ich nicht akzeptieren, sage wiederum ich, nein, das kann ich nicht akzeptieren, schließlich sei er ein alter Sack, also ungefähr so alt wie ich, und die Kleidung eines jungen Mädchens verantwortlich machen zu wollen für das Zutagetreten ungeahnter Gelüste, das wirke wie ein Argument aus präfeministischer Zeit, in einer solchen wir uns möglicherweise noch immer bewegten, und was das heißen solle: aufreizend? Da lacht er und meint, das wisse ich sehr genau, aber sein Lächeln wirkt abstoßend heute; der Ausdruck erinnert mich an etwas und ist nicht in dem Maße charmant, wie ich es bisher von ihm gewohnt war, und auch wenn er eines Tages mein Freund werden könnte, so widert mich sein Ausdruck jetzt an. Die kurzen oder langen Shorts eines anderen Menschen sollten ihn im Grunde genommen ebenso wenig interessieren wie mich und überhaupt: Warum muss er seine Wünsche auf eine Siebzehnjährige projizieren, die unschuldig >.< ist und auf ihre Weise Kind, aber Letzteres glaubt er mir nicht, weil er meint, ich sähe nicht, was er sieht, also den Blick, den sie ihm zuwirft und den ich im Übrigen auch nicht sehen will, wenn er mich fragen würde, was er tunlichst unterlässt, also verabschiede ich mich übereilt, er weiß, dass es übereilt ist, und schaut mir nach wie ein zu Unrecht Verurteilter.

© Septime-Verlag, Wien 2018